Barbra Streisand HIGHER GROUND

 

Barbra Streisand  Higher Ground (1997)

 

 

Vorsicht, kein Understatement, denn Streisand zieht gesanglich alle Register!

 

„Higher Ground“ beinhaltet sogenannte Inspirational-Songs, a Celebration of Love and Faith - eine Musikgattung die Streisand hier zum ersten Male konzentriert auf einem Album vorstellt.

Vom Aufwand her, handelt es sich um eine Großproduktion: Barbra wird live von einem Siebzig-Personen-Orchester, plus teilweise einem großen Chor, begleitet. Zahlreiche Aufnahmetechniker und Toningenieure zauberten den besten Sound, den bis dato jemals eine Streisand-Aufnahme hatte.

Barbra Streisand und alle Beteiligten an dieser Produktion, haben mit "Higher Ground" ein in jeder Hinsicht brilliantes und ungewöhnliches Album geschaffen. Barbra Streisand hat diese CD der Mutter von Präsident Clinton, Virginia Kelley, gewidmet, mit der sie eine große Freundschaft verband. Als Virginia Kelley 1994 starb, wurde auf der Beerdigung der Gospelsong "On Holy Ground" von der Sängerin Janice Sojstrand vorgetragen. Barbra war von den Worten und der Melodie dieses Songs so stark beeindruckt, dass in diesem Moment die Idee geboren wurde, ein Album wie "Higher Ground" zu machen.

"I Believe/You'll Never Walk Alone", das erste Medley von "Higher Ground" beginnt mit einer ungewöhnlich langen, instrumentalen Einleitung, sehr leise und getragen. Die Verbindung dieser zwei Songs ist absolut gelungen; wunderschön, wenn Barbra's Einsatz in den zweiten Song "You'll Never Walk Alone" nur von Percussion-Klängen begleitet wird.

"Higher Ground", der Titelsong, beginnt mit akustischem Gitarrensound der sofort eine Stimmung von "Weites Land" oder allgemein Natur und Harmonie vermittelt. Barbra's Stimme setzt weich und tief ein um jedoch mit den nächsten Sätzen schon mühelos sehr hoch zu werden, eben : "... so take my hand and lift me higher,.... to a higher Ground". Dieses Lied gewinnt für mich mehr und mehr mit jedem neuen Hören. Es fällt auf, wie wundervoll Barbra's Stimme in Kombination mit der akustischen Gitarre klingt. Aber vorerst erfreue ich mich an diesem Album, und außer "Higher Ground" gibt es noch viele Titel, auf dem die Gitarre deutlich hervorgehoben ist.

"At The Same Time" bleibt einem sofort in Erinnerung wegen der faszinierenden, irgendwie magischen Melodie, die sich immer weiter, stark vorwärts strebend aufbaut. Aus dem in der zweiten Strophe kurz eingeblendeten Kinderchor wird akustisch ein Riesenchor, der sich im Einklang mit Barbra's Gesang immer lauter steigert.

"Tell Him" , das Duett mit Celine Dion und Single der CD, ist inzwischen ein Hit geworden. Ohne Frage ist der Song sehr gut und effektvoll gemacht, jedoch mit der hohen Qualität aller anderen Titel dieser CD, kann "Tell Him" kaum mithalten. Man hört diesem Duett an, warum es geschrieben wurde; nämlich um einen Hit zu landen. Vielleicht ist der Kontrast der beiden Stimmen für ein Duett nicht groß genug. Besser war das Duett mit Kim Carnes auf Barbra's "Emotion"- CD!
Keinesfalls möchte ich die stimmlichen Fähigkeiten von Celine Dion anzweifeln. Sie hat ein tolles Stimmaterial, aber eine solche Unverwechselbarkeit und Ausdruckstiefe, wie sie Barbra's Stimme aufweist, kann ich bei ihr nicht hören.

Mit "On Holy Ground"betritt Barbra absolutes Neuland, obwohl es ja musikalisch nicht mehr viel gibt, was sie noch nicht gemacht hat. Das über sechsminütige Stück ist ein klarer Höhepunkt der CD, phantastisch arrangiert und der achtzehnstimmige Chor ist einfach grandios. Der Song baut sich langsam auf. Erst in der zweiten Strophe setzt der Chor zunächst sehr behutsam, um dann mit jedem weiteren Wort intensiver zu werden, bis sich ein wahrer Sturm aus Stimmen erhebt. Hier kann Barbra sich nicht schonen, sondern begibt sich mit ihrer Stimme gekonnt in zum Teil schwindelerregende Höhen.

"If I Could" ist eine einfache, schöne Ballade, mit gefühlvollem Text, die Barbra für ihren Sohn Jason singt. Man könnte sich den Song allerdings auch auf einer anderen Barbra-CD vorstellen. Er ist, zumindest musikalisch gesehen, nicht so speziell für dieses Album passend und gemacht wie beispielsweise "I Believe" oder "Higher Ground"

Die zwei Traditionals "The Water Is Wide/Deep River", wieder als Medley kombiniert, sind mit Barbra Streisand's klarer Interpretation eine weitere Glanzleistung des Albums. Ebenso wie bei "On Holy Ground", sind diese beiden Titel stilistisch völlig neu für sie, denn sie hat auf allen früheren Alben niemals etwas ähnliches gesungen. Umso verwunderlicher ist es, dass man sehr schnell überzeugt feststellt, wie gut diese Songs zu ihr passen. Das hat auch etwas mit der Veränderung ihrer Stimme zu tun, die heute weicher, voller und wärmer klingt. Ihre mit den Jahren tiefer gewordene Stimme hat eine ganz andere, beeindruckend nuancierte Qualität bekommen. Diese neu gewonnenen Möglichkeiten nützt sie bei "Deep River" voll aus. Hier erreicht sie unter anderem auch die tiefsten Töne ihrer Karriere.

"Leading With Your Heart", ist für Barbra Streisand's dynamische Spannbreite perfekt maßgeschneidert. Der Song ist nicht von ungefähr auch der Titel einer Biographie über Virginia Kelley, der dieses Album gewidmet ist. Das Lied mit seiner weit ausholenden Melodie ist ein 100%iger Streisandsong und gefällt sofort.

Einen richtigen "Heartbreaker" bietet uns Barbra mit "Lessons To Be Learned". Es ist ein Lieder voller Leidenschaft, in dem Barbra nicht nur den "belcanto" pflegt, sondern sie liefert sich total aus - da entstehen auch schon mal angestrengte klingende Noten. Ein Song mit einer dramatischen Melodie und bewegendem Text, der durch sein trauriges Pathos sehr beeindruckt.

Nicht so dramatisch, aber ebenso eindrucksvoll ist das sensible "Everything Must Change". Eine leise Ballade mit einem wunderbaren, sehr poetischen und weisen Text. Ich kenne das Stück schon in Aufnahmen von George Benson und Sarah Vaughan. Letztere gestaltete diese Ballade während eines Jazz-Konzertes so hinreißend, dass ihre definitive Version unübertrefflich erschien. Dass jetzt die kunstvolle Streisand'sche Version genau so gut ist, hat auch viel mit dem auf höchstem Niveau geschaffenem Arrangement zu tun. Entsprechend der pastoralen Qualität des Liedes klingt das Orchester mit sanften Streichern, Flöten und dem Piano im Vordergrund, wechselweise nach Debussy oder einem Klavierkonzert von Brahms. Nach diesen etwas schwermütigen Klangfarben beendet Barbra die letzten Verse dieser Ballade mit heller, im Ausdruck fast kindesähnlicher Stimme. "Everything Must Change" scheint mir das subtilste, ernsteste und nachdenkenswerteste Stück dieser CD zu sein.

Mit dem jüdischen Gebet "Avinu Malkeinu" (Unser Vater,unser König) findet die CD "Higher Ground" noch einmal einen fulminanten Höhepunkt und feierlichen Abschluss. Das Lied wird von Barbra Streisand in hebräischer Sprache gesungen. An der Interpretation dieses Liedes sieht man, wie weitreichend Barbra Streisand's musikalischen Talente und Möglichkeiten sind. Die ersten Zeilen des Gebetes singt sie allein, danach wird sie von einem prachtvollen 24-Personen-Chor begleitet. Diesmal jedoch erhebt sich ihre Stimme strahlend über den großen Chor hinaus.

Im US-Magazin "Wall of Sounds" schrieb Gary Graff unter anderem über diese Streisand CD:
"Streisand's voice is a wonder, of course -- wonderfully expressive and even soulful, with a range that belies her fifty-five years!"

 

 

© Werner Matrisch, Köln 1997