BRUNO MÜLLER & FRIENDS

EIN HEISSER ABEND IN KÖLN         BRUNO MÜLLER & FRIENDS

( Kölner Stadtgarten, 6. Juni 2016)

Zur Abkühlung der gefühlten 38° im ausverkauften Kölner Stadtgarten trug die Vorstellung von Bruno Müllers Album: „Inner Back Home“ bestimmt nicht bei. Müller, der formidable, schon universale Kölner Gitarrist kann auf eine unglaublich imponierende Liste großer Namen wie Heavytones, Till Brönner, Max Mutzke, Jeff Cascaro, Nils Landgren, Thomas Quasthoff, Tom Gaebel, Frank Lauber, Mezzoforte, Christian von Kaphengst, Michael Heupel, Joe Sample, und auch Lena oder Udo Jürgens blicken, mit denen er gearbeitet und in den letzten Jahren auch CDs eingespielt hat.

Um so erstaunlicher ist es, dass erst im März 2016 sein erstes „Soloalbum“ mit der Unterstützung vieler dieser erwähnten Musiker erschien. Das Ergebnis ist großartig!

Beim Release von „Inner Back Home“ im Kölner Stadtgarten gesellten sich nach und nach zehn seiner „friends“ hinzu und schufen gemeinsam oder abwechselnd ein vor Groove und Dynamik berstendes Klanguniversum, indem allenfalls Müllers Komposition „Lullabys for the 3Bs“ eine gewisse musikalische Ruhe und Beschaulichkeit in einer langen, improvisationsreichen Version verströmte.

Aber Kühle brachte auch dieses Wunderwerk, an gitarren-filigraner Virtuosität - gewidmet seinen drei Kindern deren Vornamen alle mit einem „B“ beginnen - nicht. Müller stand als Frontmann des Abends ohne Pause bei jedem Musikstück zwei Stunden (und ein wenig mehr) auf der Bühne und spielte sich mit Herzblut die Seele aus dem Leib. Als ihm der Schweiß nur so ins Gesicht lief, rief er kurz: „hat jemand ein Handtuch?“ und spielte unermüdlich weiter.

Dass Bruno Müller inzwischen mit zu den besten Gitarristen des Jazz überhaupt gilt, umfasst sein Können nicht. Zu übergreifend in allen Stilarten reicht sein immer von höchster Intensität getriebenes Spiel von Rock, Blues, Jazz über R&B zu Soul und Funk.

Und so reichhaltig an Musikrichtungen - wenn auch der Jazz im Vordergrund stand - war letztendlich das gesamte Konzert. Es gab betörend schöne Titel mit Querflöte (Michael Heupel), aufregendes Saxophonspiel von Frank Lauber, dazu die zündenden Begleitungen von Percussions (Roland Peil), fetzige Hammondorgel (Simon Oslender), starke Keyboards (Ulf Kleiner), die heftigen Drums (Flo Dauner & Jerome Cardynaals) und das alles eingebettet im satten Bass von Christian von Kaphengst. Das alles begeisterte ohne Ende!

Da ich mich durchaus als einen unersättlichen „Vokalistenschwärmer“ bezeichnen muss, waren im Vorfeld die Sänger Jeff Cascaro und Max Mutzke auf jeden Fall eine große Motivation, unbedingt dieses Konzert zu besuchen. Obwohl die zwei begnadeten Soulsänger nur jeweils drei Songs sangen, war die Wirkung ihrer Performance grandios. Als erster erschien Jeff Cascaro. Seine Version von Bill Withers „Grandma's Hands“ zeigte: das ist großartige alte (Blues) Schule, (das meine ich absolut als Kompliment) - garniert mit eigenständigen Phrasierungen. Man denkt an keinen Geringeren als an den großen Ray Charles, wenn man Cascaro so singen hört. Er interpretierte variationsreich, impulsiv und erfreute mit warmen Klangschattierungen. Prompt erwähnt Cascaro auch den blinden Bluessänger. Tatsächlich schenkte ihm seine Oma einmal als er noch sehr jung war, eine Ray-Charles-Platte. Gefunden auf dem Wühltisch in einem Supermarkt hätte sie Ray wohl verwechselt mit einem anderen Sänger mit großer Sonnenbrille und allerdings blonden Haaren, wer weiß.... .... So gelöst, fast aufgekratzt - kannte ich Jeff Cascaro noch nicht. Man spürte, wie wohl er sich im Kreise dieser Musiker fühlte.

Max Mutzke kam als letzter der „Bruno-Müller-Friends“ auf die Bühne. Zuerst stellte er „Someday we' ll all be free“ vor. Der Song ist auch auf der CD „Inner Back Home“. Keine Frage, dass die Liveversion noch um einiges intensiver war. Dennoch, so fantastisch wie Mutzke seine Version gestaltete - für mich bleibt die Originalversion von Donny Hathaway unübertrefflich. Trotzdem freut es mich, dass Max sich Songs zum covern von dieser Qualität aussucht! Den 1979 verstorbenen Donny Hathaway kann man - wenn es gut gemacht ist - gar nicht genug mit Covern feiern und hochloben!

Max ließ es sich nicht nehmen, als zweiten Song seinen erfolgreichen, recht mainstreamigen Popsong“Welt hinter Glas“ zu singen. Diesmal erhielt der Song aber durch die jazzige Instrumentierung und Max sehr kraftvollem Gesang härtere Akzente, klang musikalisch interessanter und weniger harmlos als die Albumversion. Zusätzlich machte der Song, der sich inhaltlich doch sicher an eine Freundin richtet, besonderen Spaß und erhielt eine besondere Note, indem Max mit souveränem Grinsen, - aber gänzlich unaffektiert - sich andauernd Bruno Müller hautnah näherte und diesen liebevoll über den Kopf streichelte oder seinen Rücken abwärts tätschelte.

Als wahres „Ereignis“ dynamischen Soulgesangs „überwältigte“ Max Mutzke (wenn der tosende Applaus ein Gradmesser für „Überwältigung“ ist), dann vollends das Publikum mit einem Song von Udo Schild - einem Sänger, Songwriter, Komponist und Gitarristen aus Köln. Max war von dem Song „Catch me if you can“ wohl schon sehr früh fasziniert, denn er ist bereits auf seinem erstem Album 2005 enthalten. Aber wie hat sich Max seitdem entwickelt! In wie vielen interessanten und sehr unterschiedlichen Musikprojekten war und ist er involviert! Die Neigung so zu singen , dass es an Selbstaufgabe grenzt, hatte er schon immer - nur dass Max Mutzke inzwischen eine vokale Kraft, Ausdrucksstärke,Variationsvielfalt, Improvisierkunst und stilistische Sicherheit erreicht hat, die absolut überzeugt, überrascht und bisweilen sogar sprachlos macht - so wie am 6. Juni 2016 im Kölner Stadtgarten. Es ist unfassbar, was dieser Mann mit einem Song machen kann, wie er sich rauschhaft - eigentlich ekstatisch einer Komposition voll und ganz hingibt und die musikalische Qualität in höchste Höhen treibt. Er mutet seinen Stimmbändern jede Unmöglichkeit zu, jedoch nicht, um Effekte zu schaffen sondern um Inhalte der Songs zu transportieren, sie gefühlsmäßig zu 100% nachvollziehbar zu machen. Das gelingt ihm und für dieses Engagement sei ihm gedankt.

Nachdem Max sein vokales Dynamit versprüht hatte, kamen alle Musiker, Max sowie Jeff noch einmal auf die Bühne und beendeten das Konzert mit einem letzten, langen furiosen Auftritt.Man kann wahrlich sagen: es war in jeder Beziehung ein heißer Abend

© Werner Matrisch, Köln 9. Juni 2016