Dianne Schuur - Bravouröser Jazzgsang

Live in Köln - Altes Pfandhaus Freitag, 20. November 2009
Diane Schuur vocals & piano, Scott Steed bass, Reggie Jackson drums, Dan Balmer guitar


Sie gehört zur Elite der heutigen Jazzsängerinnen und hat mit vielen Größen des Jazz seit den frühen Achtzigern Livekonzerte, CD-Alben oder Duette gemacht. Wenn ich hier nur einige Namen aufliste, die an Schuur’s Aufnahmen beteiligt waren, kann sich jeder vorstellen, welche Bedeutung Diane Schuur innerhalb des Jazzgesangs heute hat: Ray Charles, Stevie Wonder, B. B. King, Herbie Hancock, Stan Getz, José Feliciano sowie Maynard Ferguson und das Count Basie Orchester - u.v.a. mehr ! Ihre inzwischen legendäre Liveaufnahme mit dem Count Basie Orchester war 1987 unglaubliche 33 Wochen hintereinander die Nummer 1 der Billboard Jazzcharts. Grammy’s und etliche Auszeichnungen wurden ihr zuteil. Jetzt war Diane oder „Deedles“, wie sie von ihren Fans genannt wird, mit ihren drei begleitenden Musikern für einen Abend im Alten Pfandhaus, Köln.

 

Schon beim ersten Erscheinen der 1953 blind geborenen Sängerin und Pianistin im Konzertsaal des Alten Pfandhauses, konnte man ihre große Herzlichkeit und ihr Temperament erahnen. Sie benahm sich so ungezwungen, als säße sie mit alten Freunden in ihrem Wohnzimmer. Ihre frappierende Natürlichkeit, mit der sie mit dem Publikum sprach, und die sie den ganzen Abend beibehielt, ließ überhaupt keine scheue, achtungsvolle oder abwartende Distanz zu.

Divenartiges oder gekünsteltes Verhalten, ( ich denke dabei an Jane Monheits Auftritt in der gleichen Location), welches man auf Grund ihrer großen Wertschätzung vielleicht vermuten könnte, ist Diane Schuur wohl eher wesensfremd.

Das Mikrophon, vorerst noch zu weit von ihr entfernt wurde ihr in die richtige Entfernung geschoben, dann legte sie los. Ihr Klavierspiel war weich, melodisch, und betonte kräftig die Akzente. Was sofort wahrgenommen wurde, war die ungeheuerliche Wandlungsfähigkeit ihrer Stimme, die Konzentration auf die Melodie eines Songs und ihre tiefe Freude und Leidenschaft des Singens.

Ob Diane Schuur grundsätzlich eine hohe oder eher tiefe Stimme hat, ist gar nicht so einfach abzugrenzen, weil ihr Tonumfang sehr groß ist und sie diese Möglichkeiten oft und voll ausspielt. Dazu kommt ein fast schon extremer Kontrast in der vokalen Klangfarbe Diane Schuur’s. Ihre Tiefen sind warm, breit und ausufernd, indem sie bei ruhigen Songs die Noten anhaltend dehnt um sie dann mit starkem Vibrato zu beenden.

In den Höhen variiert sie den Klang noch stärker und mutet sich oft allerhand zu. Manche Songs, besonders die rhythmischen – werden durchbrochen von höchsten, sirenenartigen Pfeif- oder Quietschtönen, die sie mit fast kindlicher Freude hervorstößt. Dies geschah so spontan und temperamentvoll, dass ich ihre Intonation im Wechsel solcher Extrempassagen von „ganz unten nach ganz oben“ an diesem Abend nicht immer ganz sauber empfand.

Dennoch keine Frage, Diane Schuur beherrscht das Spiel aller sängerischer Nuancen, insbesondere, von laut nach leise, perfekt. Dabei artet nichts in Effekthascherei oder gar Vokalartistik aus. Die große Natürlichkeit ihres Wesens bestimmt auch ihr Singen.
Während sie die Melodie eines Songs viel und gerne improvisiert, bleibt ihr Gesang trotz ihrer ausgezeichneten Technik und deren Möglichkeiten mehr dem traditionellen Jazzgesang verhaftet. Diane Schuur ist eine im „klassischen“ Sinne große und souveräne Jazzsängerin.

 


 

Modernere, fast rock- und -jazzfusionsartige Töne steuerten im spannungsvollen Kontrast zu Schuur ihre ausgezeichneten Musiker bei. Dabei zeigte sich sehr schnell und eindeutig, dass Gitarrist Dan Balmer neben Schuur der andere STAR des Abends war. Viel ausdrucksstärker und ergiebiger als auf Schuur’s letzter CD „Some Other Time“, die in diesem Konzert mit einigen Songs vorgestellt wurde, konnten sich Balmer sowie Bassist Scott Steed und Drummer Reggie Jackson live darstellen. Es gab lange instrumentale Stücke, in denen jeder Musiker mit Soli beeindruckte.

Aber man muss es einfach sagen – Dan Balmer stahl allen die Show, sowohl im Solo als auch gemeinsam mit Schuur und seinen zwei Mitstreitern. Balmer’s unglaublich dynamisches Spiel stach immer dominierend hervor – er gab den Ton an, bestimmte mit verschwenderischem Spiel das gesamte Klangspektrum. Seine flirrenden und andauernden Gitarrenlinien strömten furiosen Kaskaden gleich in den Konzertsaal, und hätten in ihrer starken Intensität einem Al Di Meola oder gar Carlos Santana zur Ehre gereicht.

Zurückhaltend und sensibel war Gitarrist Dan Balmer auch ein adäquater Begleiter für Diane Schuur, während sie zart „They say it’s wonderful“ sang. Beim Ellington-Klassiker „If don’t mean a thing, if it ain’t got that swing” musizierten alle vier Künstler sozusagen um die Wette und gestalteten so eine mitreißende Jam-Session.

Ein Meisterstück der ruhigen Art hatte Diane Schuur mit der wunderbaren Ballade „Life is good“. Außer ihrem Pianospiel gab es keine andere Begleitung. Innerhalb dieser schlichten Performance entfaltete sich die magische Schönheit von Schuur’s Stimme und Gesang am eindrucksvollsten.

Highlight des Abends wurde aber ein anderer Song! Der ebenso beliebte wie seit Jahrzehnten abgedroschene Latino-Hit „Besame Mucho“ (1941), überraschte gegen Ende des Konzertes mit ungewohnt vertrackten Rhythmen. Musiker und Sängerin überschütteten den Schmalz der Melodie rücksichtslos und ideenreich mit neuen musikalischen Impulsen. In einer solchen Variationsbreite hatte man den Song selten gehört. Der Titel heizte sich mehr und mehr auf, und entwickelte sich zu einer langen und explosiven Jazzexkursion „par excellence“ !

 

 

Alle Künstler wurden stürmisch gefeiert. Selbstverständlich gab es eine Zugabe. Diane Schuur setzte sich noch einmal ans Piano um „Danny Boy“ zu singen. Auch hier konnte sie mit ihrem sicheren Gefühl für musikalische Qualität dem bekannten Song die allzu große Gefühligkeit nehmen, und berührte das Publikum im Alten Pfandhaus abermals mit ihrer warmen Stimme.

Am Ende verbeugte sie sich mehrmals, lachte und bedankte sich. Man spürte, Diane Schuur hatte eine gute Zeit im Alten Pfandhaus verbracht!

Einen Satz aus einem älteren Interview hätte sie jetzt wiederholen können:
„It was so much fun. You never know who are you going to be playing for in an audience”.

 

(c) Werner Matrisch, Köln 24. November 2009