JAZZ: Die besten nationalen Sänger - Eine merkwürdige Wahl

   Der Jazz Echo 2012

Seit 2010 verleiht die Deutsche Phono-Akademie – und das Kulturinstitut des Bundesverbandes Musikindustrie e. V. den etablierten deutschen Musikpreis ECHO auch an Künstler der Kategorie Jazz. Eine Entwicklung die einen seit fünfzig Jahren fröhnenden Jazzfan wie mich besonders erfreut und interessiert. Die Preisverleihung fand am Sonntag, den 3. Juni 2012 in der edlen Gläsernen Manufaktur von Volkswagen in Dresden statt. Am 7. Juni war dann die gekürzte Ausstrahlung um 23.35 auf MDR zu sehen.

Mit Dieter Moor hatte man die ARD-Allzweckwaffe in Sachen Kultur geschickt für die rethorische Gesamtleitung der Preisverleihungsshow eingekauft. Menschen, die regelmäßig die ARD Kultursendung TTT schauen, wissen, dass es fast unmöglich ist, sich der Intensität seinen geradezu zwingend anmutenden Moderationen und nicht zuletzt seiner vehement eingesetzten Körpersprache zu entziehen. Egal ob es nun um große Kunst geht, um kulturpolitische Mißstände oder um die gesanglichen Nichtigkeiten einer Carla Bruni – Begeisterung und Überzeugungen kundzutun ist eine schöne Sache, und das bringt Dieter Moor auf den Punkt wie kein Zweiter.

So führte Moor eingangs engagiert wie gewohnt vor, was Jazz IST, was er für die Musiker bedeutet, die große Leidenschaft – und überhaupt. Moor agierte mitreißend – fast wie unter Speed – und mir kam zwischendurch tatsächlich der Gedanke: Müsste Dieter Moor in Äthiopien Sonnenstudios verkaufen, er wäre zweifellos erfolgreich.

Warum ich diese Preisverleihung überhaupt und auch nur teilweise etwas beleuchte – natürlich aus rein subjektiver Sicht – ist meine Unzufriedenheit über die völlig verfehlte Wahl zweier, sehr prominenter, deutscher Preisträger. Was die Preisträger des instrumental gespielten Jazz betrifft, war ich durchaus mit der Wahl einverstanden. Deren Liveauftritte waren gut und interessant, wenn auch etwas kurz gehalten, was zu verstehen ist wegen der kurzen Sendezeit. Leider wurde teilweise etwas holperig geschnitten – und sogar der wichtige Preis für die beste internationale Jazzsängerin – Cassandra Wilson – fand in der MDR Übertragung keinerlei Erwähnung.

 

Damit wäre ich beim hauptsächlichen Thema Jazzgesang, dem ich mich auch in vielen Rezensionen bisher gewidmet habe. In einer meiner jüngsten Konzertrezension habe ich das hohe Lied von Lob und größter Bewunderung für Kurt Elling ausgesprochen. (Ich geb’s ja zu: Dieter Moor könnte mich hier in meiner Begeisterung kaum übertreffen.) Kurt Elling, der neben anderen zahlreichen Preisen auch den Grammy 2010 erhielt wurde jetzt mit dem deutschen Echo als bester internationaler Jazzsänger 2012 von der Phonoakademie ausgezeichnet. Elling bedankte sich in deutscher Sprache, was berührend war, auch wenn er vom Blatt ablass. Er hätte das auch in seiner Muttersprache machen können – aber als kleine Ehrerbietung an das deutsche Publikum machte er sich die Mühe deutsch zu sprechen. Später hatte er einen hervorragenden Auftritt mit dem ebenfalls echoausgezeichnetem Tingvall Trio.

Als bester nationaler Sänger der Sparte Jazz wurde dann Götz Alsmann für sein Album „In Paris“ ausgezeichnet. Auf diesem Album singt er große französische Chansons in deutscher Sprache. Für das Album ( erschienen Oktober 2011) hatte er schon zahlreiche Lobeshymen eingeheimst – ist er doch sowieso ein absolutes Lieblingskind erstens der Presse im entertainerarmen, deutschen Land, und zweitens von vielen Fans seiner TV-Sendungen. Immerwährende Medienpräsenz zu jeder möglichen Gelegenheit und eine locker-heitere, stets leicht zu konsumierende – aber jazzspezifisch näher betrachtet leider mäßig relevante Musik – haben Götz Alsmann in den letzten Jahren zu einem sehr beachteten Künstler gemacht.

Ich habe Götz Alsmann auch live erlebt und kann bestätigen: Er spielt gut Klavier. Doch, durchaus. Und er singt auch. Das klingt nett. In seinen besten Momenten kommt er an den wunderbaren, charmanten Berliner Bully Buhlan (1924 – 1982) heran, aber nur wenn er sich der Melodie in Höhen und Tiefen annimmt. Immer gelingt ihm das nicht so recht – deswegen beherrscht er auch souverän den Sprechgesang. Das kommt mindesten so gut an – die Menschen wollen auch nicht immer, dass sich jemand „die Seele aus dem Leib singt“. Und das tut Alsmann wahrlich nicht. Es sind ja bekannterweise sehr oft die „leisen, unaufdringlichen und verschmitzten Töne“ die beeindrucken. Die gehen so gut ins Ohr und stimmen außerdem heiter. Gut. Nun wurde ihm also der Echo als bester Jazzsänger national verliehen. Wenn es einen „Easy listening Jazzecho“ gäbe, den könnte er gerne bekommen, aber was hat sein Singen mit „Jazzgesang“ wirklich zu tun ? Hallo?

In der Laudatio, vorgetragen von Jungsänger und Alsmannfan Clueso erfahren wir, wie ein Album ( In Paris) entsteht, welches die Welt vorher noch nicht gehört hat (!!!) Das klingt nach etwas ganz Großem. Auch von dem „Genie Alsmann“ ist in der Laudatio die Rede. Später erleben wir den Meister in seiner Performance. „Der Wolf tanzt Cha Cha Cha“ singt Alsmann, und das klingt wieder so nett und lustig. Beim Zuschauen und Zuhören dieser musikalischen ( aber netten !) Belanglosigkeit hoffte ich inständig, dass Kurt Elling bereits die Gläserne Manufaktur verlassen hat.

Es gibt in Deutschland viele, großartige Jazz- oder Bluessänger, die Götz Alsmann mit jeder gesungenen Silbe haushoch überlegen sind. Aber haben z. B. Henrik Freischlader, Jeff Cascaro, Peter Fessler, Beat Kaestli, Tom Gaebel, Torsten Goods, Jörg Seidel ( und es gibt noch einige mehr) diese Medienpräsenz und Popularität ? Nein, haben sie nicht. Und sie haben auch nicht immer einen Witz auf der Zunge oder eine so schöne fotogene Haartolle. Für diese Künstler muss es geradezu niederschmetternd sein, dass die sehr bescheidenen Gesangskünste von Götz Alsmann derart mit einem renommierten Preis hochgejubelt werden. Alsman ist kein guter Sänger – und schon überhaupt nicht ein guter „Jazzsänger“.

Die deutsch-iranische Künstlerin Jasmin Tabatabai – ebenso prominent wie Götz Alsmann – konnte die Echo Trophäe als beste nationale Jazzsängerin für ihr jüngstes Album „Eine Frau“ entgegen nehmen. Tabatabai ist eine vielseitige Schauspielerin und kreative Künstlerin- sie kann auf viele andere Verdienste verweisen. Sympathisch ist sie auch. Es war für mich berührend, ihr Mienenspiel zu verfolgen, während ihre Freundin Katja Riemann die Laudatio hielt. Nicht nur der Zuschauer, erst recht der betroffene Künstler muss eine solche Laudatio aushalten, in der nicht selten Künstler zu „fast Heiligen“ gemacht werden, indem aufgelistet wird, was sie alles im Laufe ihrer Karriere gemacht und erreicht haben – und wie sie sich immer wieder „neu erfinden“. Leider musste letztere, unsäglich inflationäre Floskel in der ansonsten ansprechenden Laudatio von Katja Rieman wieder einmal zum Ausdruck kommen. Ich kann es nicht mehr hören !

Auf jeden Fall hat Jasmin Tabatabai eine erstaunliche und beeindruckende Karriere hingelegt. Zurückkommend auf die CD „Eine Frau“ sagte Riemann am Schluss, „vielleicht konnte Tabatabai das machen, weil sie eine Frau ist, weil sie eine Schauspielerin ist, weil sie ein Mensch ist“. So weit ist das alles sehr schön, auch zu akzeptieren und zu honorieren. Auf der Bühne umarmten sich die zwei Frauen – die Szene war authentisch und bewegend. Als letzten Satz in ihrer kurzen Dankesrede zum erhaltenen Jazzecho als beste nationale Sängerin sagte Jasmin Tabatabai dann: „Ich weiß gar nicht, wie ich dazu komme“

Nun, ich weiß es ehrlich gesagt auch nicht! Nachdem ich ihre Performance vom alten Zarah-Leander-Klassiker „Kann denn Liebe Sünde sein“ gehört hatte, war ich rat- und auch sprachlos. Wie kann es sein dass eine musikalisch derart eingeschränkte, völlig unversierte Sängerin einen Preis als „beste nationale Jazzssängerin“ bekommt? Tabatabai kann selbstverständlich ihre Erfahrung als Schauspielerin nutzen, und dadurch etwas ablenken, dass es nicht wirklich GESANG ist, was sie macht. Leider war ihr Auftritt fade, spannungslos- tatsächlich langweilig. Und vorgetragen von einem Stimmchen, musikalisch reduziert – bar jeglicher Jazzphrasierung… da nützte auch die Jazzbegleitung nichts. Im Gegenteil, sie wirkte wie ein Fremdkörper im Zusammenspiel mit der ungelenken, schwachen Stimme der Jasmin Tabatabai.

Hätte sie den Text nur rezitiert, wäre es besser gewesen. Ihr Gesang, der hier hoch dekoriert wurde, ist das schwächste Glied in der Kette ihrer diversen Talente. Auf der CD hört sie sich übrigens besser an als beim Liveauftritt. Das mag auch an der guten Begleitung und vor allem an den stimmigen Arrangements des ehemaligen Bandleaders und Arrangeurs der Cicero Big Band, Lutz Krajenski liegen, welche der kleinen Stimme der Sängerin einen guten musikalischen Rahmen oder Hintergrund geben.

Auch hier bin ich hartnäckig und führe Namen von ausgezeichneten deutschen Jazzsängerinnen an, die einen solchen Preis viel eher verdient hätten. Zum Beispiel Ulita Knaus, Sabine Kühlich oder Bettina Pohle. Auch Pe Werner, keine ausgesprochene Jäzzsängerin, hat kürzlich ein Big Band Album produziert, welches gesanglich eine Jasmin Tabatabai weit hinter sich lässt. Und wenn nun keine aktuelle CD der meines Erachtens weitaus „besseren Jazzsängerinnen“ gefunden wurde, dann hätte man eine wunderbare Gelegenheit gehabt, die größte Jazzsängerin Deutschlands – nämlich Inge Brandenburg ( 1929 – 1999) posthum zu ehren und ihre fantastische Jazzstimme mit einem Echo zu würdigen. Ein „aktuelles“ Album wäre vorhanden. „Sing! Inge Sing“ ist im Winter 2011 als Soundtrack zu der Brandenburg-Filmbiografie von Marc Boettcher erschienen .

Was mich am Echo-Jazz-Preis für Tabatabai und Alsmann am meistern ärgert und stört -dabei bin ich wirklich nicht das, was man einen „Jazzpuristen“ nennen würde – ist die ungeheure Verwässerung des Jazzbegriffs. Hier wurde die Musik der CDs für welche die Künstler ausgezeichnet wurden regelrecht „hochgejazzt“. Ein Wort, das Moderator Dieter Moor unbedingt aus dem Duden gelöscht haben möchte. Da hat er sich mit einer Kaskade von Sätzen furios ereifert. Bei „hochgejazzt“ stünde im Duden „künstlich aufgebauscht“. Jazz ist doch künstlerisch aber nicht künstlich – meint Moor. Recht hat er. Es ist ein ziemlich dummes Wort.

Aber „ hochgejazzt“ oder besser gut deutsch „künstlich aufgebauscht“ passt verdammt gut auf die Art, wie diese Musik beurteilt wird und damit auch auf die Verleihung der Jazzechos für die zwei besagten Künstler. Ich weiß selbstverständlich, dass andere Jazz-und Musikfans meine Sichtweise und Kritik an dieser Preisverleihung so nicht teilen und vielleicht sogar großes Unverständnis bei ihnen hervorruft Aber ich bleibe dabei: Alsmann und Tabatabai sind keine guten Sänger, und der Jazzecho für sie in dieser Kategorie ist sehr frag-und diskussionswürdig.

© Werner Matrisch, 9. Juni 2012

Sonstige Informationen zur Echo Jazz Verleihung:
http://www.echojazz.de/jazz-preistraeger-2012/

http://www.musikmarkt.de/Aktuell/News/Echo-Jazz-2012-Goetz-Alsmann-Jasmi...