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GREGORY PORTER     „NAT „KING“ COLE & ME“

 

Einige Zeit bevor dieses aktuelle Porter-Album erschien, konnte man in einem Spiegel-Interview viel über seine Kindheit erfahren. Diskriminierung und Rassismus waren allgegenwärtig, seine Mutter, alleinerziehend, musste ihn und seine acht Geschwister durchbringen. Der Vater abwesend. Zur Musik, die er in diesen Jahren besonders liebte und die ihm das Leben erträglicher machte, gehörte die unvergleichlich warme und besänftigende Stimme Nat „King“ Coles.

Deswegen kann man gut verstehen, warum Gregory Porter diesem Sänger, den er sich träumend als Vater wünschte, eine Hommage widmete. Das Ergebnis hinterlässt bei mir aber einen sehr zwiespältigen, leider mehr negativen als positiven Eindruck. Zu einseitig das musikalische Konzept. Die Songauswahl kann ich auch überwiegend so gar nicht einfallsreich oder inspirierend finden. Als inzwischen zu Recht gefeierter Sänger von Jazz, Soul oder R&B bot das Repertoire des Nat „King“ Cole durchaus eine Reihe anspruchsvollerer Songs als „Mona Lisa, „Smile“ oder „Quizas,Quizas, Quizas“. Allerdings waren das große Cole-Hits und nach der Marktstrategie einer solchen Veröffentlichung gehören diese Songs dazu. Es ginge aber auch ganz anders. Man könnte eine Hommage aber wesentlich innovativer gestalten als diese. Der deutschsprachige Jazzsänger Daniel Čačija ist zur Zeit mit einen Tribut-Album für Mark Murphy beschäftigt. Bisherige Informationen dazu versprechen ein ambitionierteres Projekt.  (Info dazu siehe ganz unten)

Wie bereits bei Porters harmlos-hübschem Duett mit Ella Fitzgerald (CD: Ella And The London Symphony Orchestra) wird Porter hauptsächlich vom üppigen Streichersound des London Symphony Orchestras begleitet. Der über bloße Fachkreise hinaus weit renommierte Vince Mendoza (u.a. auch erfolgreiche Zusammenarbeit mit der WDR Big Band) ist verantwortlich für die Arrangements. Das Know-how für mehr „Jazz“ und weniger „Schmalz“ wäre also reichlich vorhanden gewesen - allerdings setzte man bei dieser Produktion wohl auf das rein nostalgische, verkaufsfördernde Rezept.

„Mona Lisa“, gleich der erste Titel der CD macht abschreckend klar, was man mit einem Geschwader an Geigen anstellen kann. Dagegen muss Porter sich behaupten, und keine Frage - seine voluminöse Stimme schafft das mühelos. Ob es allerdings auch zu ihm passt, ist eine andere Sache. Er intoniert zu Beginn sanft warm und klangschön um später seine Stimme weit schmetternd auszufahren. Am Ende verwechselt er den Song wohl mit einer Arie - was er definitiv nicht ist. Der Song ist ganz einfach eine Schnulze, die aber durch Nat „King“ Coles samtene Stimme und viel schlichtere Interpretation noch einen gewissen Charme hatte. Jeden falls musste man sich nicht mit Grausen abwenden - so wie hier.

„Smile“ ein recht sentimentaler Song - komponiert vom seligen Charly Chaplin - vermag dennoch zu berühren durch eine schwelgerische, nostalgietrunkene Melodie. Leider nicht in dieser Porter-Version. Das unfassbar dick aufgetragene Arrangement (Pressetext: „kinematografische Arrangements“) richtet alles zu Grunde. Und Gregory Porter befindet sich mit seinen letzten Noten wohl wieder in einer Super-Operette. Mein Eindruck: es steht ihm einfach nicht.

Das folgende „Nature Boy“ ist der erste akzeptable, sogar sehr schöne Song dieser Hommage. Das Arrangement ist angemessen, leicht sphärisch, die Geigen sind zurückhaltender und Porters Gesang ist viel sensibler und wärmer. Natürlich ist diese Komposition auf weit höherem Niveau angesiedelt, als die zwei Vorgänger.

Mit „Love“ kommt ein erster, ganz leichter Lichtblick in Richtung Jazz. Lässig, geschmeidig und von Porter gemessen swingend vorgetragen, stimmt mich das Album kurzfristig versöhnlicher. Ein rasantes Trompetensolo trägt mit dazu bei. Allerdings wirkt die extreme Kürze von zwei Minuten letztlich wie ein kleines „Auffrischungs-Intermezzo“

„Quizas, Quizas, Quizas"  bringt mich aber schnell zurück zu den typischen Klängen dieses Albums. Romantisch verklärt hören wir Porter spanisch singend. Auch das Arrangement bedient sich andalusisch wirkender Klangbilder - bisweilen stark aufbrausend, eben „kinematografisch“ oder auch etwas folkloristisch.

„Miss Otis Regrets“ wurde mit einem extrem wechselvollem Arrangement versehen - aber das bedeutet keineswegs, dass es gelungen wäre. Die Sprünge der Lautstärke von leise zu laut sind exorbitant. Das laut aufbrausende Symphonyorchester wirkt wie ein gigantischer Auftakt zu einem Gladiatorenfilm. Eine solche Tschingderassa-Instrumentierung ist nicht kreativ sondern völlig absurd und für die sehr intime , ironisch-augenzwinkernde Cole-Porter-Ballade verfehlt. Diese Version ist das Gegenteil von interpretatorischer Intelligenz.

„Pick Yourself Up“ ist noch einmal eine leichte Uptempo-Nummer, mit elegant swingendem Mittelteil. Mehr gediegenes „easy listening“ denn Jazz - aber stimmig und charmant gesungen.

Mit dem nächsten Lied erhält das Album den fast einzigen Song, für den sich der Kauf dieser Hommage wirklich lohnt und der mich überzeugt:

„When Love Was King“ funkelt und strahlt auf diesem sehr zwiespältigen Album wie ein sorgfältigst geschliffener Diamant. Ein wirklich inspirierendes Arrangement vergisst endlich einmal allen Bombast - setzt nur zielgenau zur dramaturgischen Steigerung auf den vollen Orchestereinsatz, der in dieser Weise auch beeindruckend ist.Und Gregory Porter erweist sich als das was er kann und ist: ein veritabler, charismatischer Sänger! Scheinbar unbegrenzt in seinen vokalen Möglichkeiten ergießen sich Kaskaden von unglaublichen Noten. Seine Phrasierungen und Nuancierungen eröffnen pure Stimmpracht und Emotionalität. In diesen 7:44 Minuten zeigt Porter, was er sängerisch vermag zu leisten,wenn ein Song ihn fordert. Der Ruf der Porter vorauseilt ist gerechtfertigt. Er ist ein Sänger der höchsten Liga.

„The Lonely One“ gehört noch zu den besseren Balladen auf diesem Album, obwohl es auch hier wieder allzu süßen Geigenklang gibt, zeitweise mit beinahe schmerzhaften Höhen.Wie schön wäre es gewesen, diese melancholische Ballade einmal nur in kleiner Besetzung - Piano, Bass, Drums – zu hören. Gesanglich ist Porter hier sensibel und makellos in seiner Intonierung

„Ballerina“ swingt wieder im Big Band Stil. Michael Bublé lässt schön Grüßen. Das würde er ebenso machen wie Porter, der aber natürlich mehr Präsenz, Charakter und Jazzfeeling besitzt. Das stark bläserorientierte Arrangement fetzt und swingt - davon hätte ich mir mehr auf diesem Album gewünscht.

„I Wonder Who Is My Daddy“ bezieht sich schmerzhaft auf Porters Biografie. Der schlichte aber herzergreifende Text voller Traurigkeit: „Ich frage mich, wer mein Daddy ist“, lässt spontan Empathie entstehen. Die Melodie ist wie ein Kinderlied angelegt, das zarte Klavierspiel dazu, betont diese Stimmung. Natürlich ist da auch etwas Sentimentalität dabei - die ich aber richtig finde und allemal ist dieses Stück besser als so mancher Schmachtfetzen auf diesem Album.

Zu den schönsten US-Weihnachtsliedern die je geschrieben wurden gehört „The Christmas Song“ komponiert vom Jazzsänger Mel Tormé. Ganze Heerscharen von Künstlern haben diesen Song interpretiert, dessen romantische Melodie einen unweigerlich in Weihnachtstimmung versetzt. Ein harmonisches, weich intoniertes Trompetensolo unterbricht allzu große Gefühlsseligkeit und so endet mit zwölf Songs die Einfachversion dieser “Nat „King“ Cole Hommage passend stimmungsvoll zur Jahreszeit, aber auch unspektakulär.

Wäre nicht ein Stück wie „When Love Was King“ und vielleicht noch maximal zwei andere Songs dabei - könnte man dieses sehr mittelmäßige Album nach kurzer Zeit für immer weglegen. Das ist sehr schade – denn Porter kann soviel mehr. Nach meinen bisherigen Recherchen kommt das Album allerdings in den USA weit besser an, als bei uns.

Meine Enttäuschung über dieses Album bezieht sich nicht darauf, dass Porter hier fast keinen Jazz oder schon gar nicht Soul singt. Darum geht es nicht. Es geht darum, wie wenig kreativ man an die Songs herangegangen ist, wie wenig man bemüht war, den bekannten Songs eine für Porter und sein großes Potenzial künstlerisch angemessene Struktur zu schaffen. Natürlich sind die Arrangements hochprofessionell - aber gleichzeitig auch unangenehm protzig, unerquicklich. Porter wirkt oft genötigt da mitzuhalten - wodurch seine Stimme besonders bei „Smile“ und Mona Lisa“ einen falschen Klang erhält.

Die Schuld für ein wenig gelungenes Album liegt meines Erachtens nach weniger bei Gregory Porter, dessen große Motivation für dieses Projekt wohl niemand in Frage stellt.

 

© Werner Matrisch, Kön, 5. November 2017

 

 

Information zu Daniel Cacija und dem Mark Murphy Projekt:

http://www.salonisten.at/cms/index.php/programme-weitere-ensembles/programm-streichquartett/78-tribute-to-mark-murphy-daniel-cacija-mit-band-und-streichquartett-sonare

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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