ROCK-POP-KLÄNGE UND HOCHDRAMATISCHE BALLADEN

 

Nachdem Barbra Streisand mit ihrem ersten rockorientiertem Album „Stoney End“ (Februar 1971) recht erfolgreich auf Platz 10 der Billboard-Charts landete und die Single „Stoney End“ (schon Ende 1970 veröffentlicht) ein Überraschungserfolg wurde, erschien nur wenige Monate später ( August 1971) das Album „Barbra Joan Streisand“. „Joan“ ist ihr zweiter Vorname, und vielleicht wollte man mit diesem schlichten Albumtitel klar machen, dass auf diesem Album die „pure“ und ganz authentische Streisand voll und ganz zu hören sei. Sozusagen die „Neue“ aber auch die „Alte“ Streisand wurden hier präsentiert.

Dem Ergebnis nach, ist das Vorhaben gelungen. Auch heute noch - nach über 45 Jahren - ist dieses Album für viele Fans ein Highlight unter ihren nunmehr über 60 Alben.

Hatte Barbra auf „Stoney End“ ausschließlich und zum ersten Male nur Songs der damals jüngeren Songwriter-Generation aufgenommen (z. B. Joni Mitchell, Carol King, Gordon Lightwood, Randy Newmann, Laura Nyro) ruderte man mit dem neuen Album leicht zurück. Nicht allen eingeschworenen Streisandfans gefielen damals die neuen Pop-Rock-Titel von Barbra . Um diese bei Laune zu halten, enthielt das neue Album neben Rockstücken auch Songs, in denen Streisand sowohl mit sanft-melodischen Titeln als auch mit ihrem unverwechselbar dramatischen Gesangsstil auf bewährte Art überzeugen konnte.

Produzent Richard Perry, der schon die „ neue“ Streisand“ auf „Stoney End“ ihren gesanglichen Fähigkeiten entsprechend sehr gekonnt kreierte, mischte auf „Barbra Joan Streisand“ mit viel Geschmack und musikalischer Erfahrung Sound und Stile der Songs.

Die neue Streisand erstaunte zum Beispiel besonders beim rockigen „Space Captain“ mit ungewohnt aufgerauter Stimme. Sie steigerte sich im Laufe des Songs mit Unterstützung eines Soulstimmen-Chor’s in lauteste, bewußt schrillklingende Höhen. Ebenfalls laut und rockig-wütend singt Barbra im Carol-King-Song „Beautiful“ über Frust und die Traurigkeit des Alltags. Das wuchtige Arrangement und Streisands starke Stimme sind perfekt aufeinander abgestimmt. Mir gefällt die Version von Carol King sehr gut, aber im Vergleich mit Streisand's dynamischem Drive klingt Carol fast etwas schläfrig. (Trotzdem sollte das Carol-King-Album „Tapestry“ mit all den wunderschönen Kompositionen (z. B. „You've Got A Friend“ ) in jedem CD-Regal stehen!

Eine andere Carol-King-Komposition „Where You Lead”, wurde in der Streisand-Version durch Billy Prestons fetziges Orgelspiel auch rockiger aufgepeppt als es im Original zu hören ist.

Einige Songs weiter bietet uns Barbra aber sanft-sentimental mit klarster Stimme den Michel Legrand Song: „The Summer Knows“, der dann noch mit Klängen von Meeresrauschen und Möwenschreien endet. Beschwörend klangschön, und sphärisch hingehaucht ertönt bei Streisand der John Lennon Song „Love“.
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Im Rückblick von über 45 Jahren bleibt aber das Bacharach-Medley „One Less Bell To Answer/A House Is Not A Home“, die eindrucksvollste Einspielung dieses Albums. Hier kann sich Barbra Streisand ungehemmt mit allen Facetten ihrer Gesangskunst entfalten. In den mit sich selbst wirklich „hochdramatisch“ singenden Duettpassagen gerät sie ausdrucksmäßig fast an den Rand einer Ekstase.

Das Medley hat durchaus ruhige Teile, aber es steigert sich nicht nur einmal, sondern ständig neu und immer am stärksten, wenn zwei Streisand-Stimmen in dieser berauschenden Pop-Arie zeitgleich und mit äußerster Klangfülle und Volumen gehört werden. Das ist „Streisand“ in ihrer besten Form. Hier wird am deutlichsten klar, womit und warum eine Barbra Streisand gesanglich unvergleichlich ist!

Erwähnt werden muss aber noch der Song, der gegensätzlicher zum vorher beschriebenen Medley nicht sein könnte: John Lennons „Mother“ in einer „ur-typisch streisand'schen Version. Ich weiß, die Meinungen über dieses äußerst eigenwillige Lied gehen krass auseinander. Wenn Barbra’s Gesang, nachdem sie sich in diesem Song schon einige furiose „Kraftproben“ geliefert hat, am Ende von „Mother“ zornig-dramatisch mit einem sich dreimal wiederholendem, langgezogenem „Urschrei“ endet, passt das inhaltlich und musikalisch sehr gut zur Aussage des Songs. Schließlich macht es John Lennon in seiner Originalversion von „Mother“ so vor, wenn auch wesentlich verhaltener.

In Kritiken zu dieser Aufnahme, konnte man später lesen, dass Streisand-Kritiker, Fans von Lennon, und auch unentwegte Streisand-Nörgler, die immer so argumentieren : „...eigentlich ist sie ja gut...aber..und dann kommt die Schelte und Häme!- es Barbra Streisand wohl nicht verzeihen konnten, dass sie diesen Song, -dank ihrer so großen stimmlichen Möglichkeiten - mit einer solch starken Vehemenz anging.

Selbstverständlich bin ich aber der Meinung, dass man darüber diskutieren kann, ob diese ausgeprägte Vehemenz dem Lennon-Song noch angemessen war. Natürlich wird der Song durch Streisand’s lautstarke Interpretation mit Nähe zur Stimmakrobatik „gewöhnungsbedürftig“. Ich war aber von Anfang an von dieser Version wie elektrisiert, wogegen mich John Lennon ziemlich kalt läßt.

In leichte Jazzgefilde gerät Barbra mit der Buddy-Johnson-Komposition  "Since I Fell For You". Wenn es so etwas wie eine  perfekte Interpretation sowohl musikalisch wie im Ausdruck gibt - findet man sie in dieser Ballade. Hier erklingt die Streisandstimme in purer Makellosigkeit und Schönheit in all ihren raffinierten Phrasierungen. Das ist Gesang  vom Allerfeinsten ! 

Etwas schwer tut sie sich mit dem letzten Song des Albums. Irgendwie kann Barbra mit dem leicht schleppendem Tempo bei „You've Got A Friend“ nicht wirklich eine Spannung aufbauen und ihr Timing wirkt nicht stimmig wie sonst. Eigentlich ein wunderbarer Song - aber sie intoniert etwas gleichförmig, setzt zu sehr auf die Wiederholung.

Sicher ist das Album „Barbra Joan Streisand“ ein seltsames Wechselbad der Musikstile, Gefühle - und musikalischen Kontraste: Es enthält aber viele vokale Glanzleistungen der Streisand und ist in jeden Fall auch ein eindrucksvolles Beispiel für die Vielseitigkeit einer der größten Sängerinnen der letzten 50 Jahre.

 

© Werner Matrisch, Köln Juli 2017

 

Nicht nur die Songs der Streisand - auch ihr Outfit bekam Anfang der 70er  ein moderneres Gesicht.

Zum ersten Male wurde dem Album auch ein Poster beigelegt.