Live: AFTER HOURS - featuring Roger Cicero

„Explodierende Intensität“

Roger Cicero: Vocals, Stephan Abel: Tenorsaxophon;
Lutz Krajenski: Piano & Hammondorgel; Hervé Jeanne: Bass;   Matthias Meusel: Schlagzeug

Der intime 3Raum im Ballhof von Hannover verdunkelt und die Musiker erscheinen auf der  Bühne. Nach einem instrumentalen Einführungsstück stellt Stefan Abel die Jazzformation „After Hours vor. Als letzten nennt er den Vokalisten Cicero, der dann auch sofort unter Jubel auf die Bühne stürmt.  Das konnte man erwarten. Die fünf Musiker haben  seit ca. zwei Jahren mit ihrem „Männersachen-Projekt“ unter Anführung ihres Sängers Cicero enorme Popularität  erlangt. Zusammen mit sieben anderen Musikern formierten sie sich zu einer rasanten Big Band, und füllten riesige Hallen.

Nun, nach Abschluss der diesjährigen Mammuttournee und vor Beginn der neuen Live-Konzerte ab Januar 2008, wollten „After Hours“, der harte „Jazzkern“ der Roger Cicero Big Band, sich noch einmal mit zwei kleinen Konzerten (Hannover + Hamburg) dem reinen Jazz widmen. In geänderter Reihenfolge  wird das komplette Programm  ihrer zweiten CD von 2005:  „There I Go“ gespielt werden,  darüber hinaus aber noch andere Songs.  

Roger Cicero beginnt mit dem schönen Standard „No Moon At All“, der zunächst „jazzmoderat“ klingt, gemessen an dem, was  musikalisch an diesem Abend stark jazzlastig noch folgt. Denn schon bei Clifford Browns Komposition „Joy Spring“, als Vokalstück schwierig zu singen und von Cicero dafür selbst neu arrangiert, ahnt man, von welcher „Jazzintensität“ der Abend sein wird. Die Musiker zeigen sich in furioser Spiellaune, und spielen so wildbegeistert, als hätten sie schon länger auf diese Gelegenheit gewartet. Die einzelnen Stücke sind alle bedeutend länger als auf der „There I GO“ - CD. Bearbeitet mit langen, sich stark steigernden Soli, scheint jeder Musiker in seinem musikalischen Ergeiz dem Nächsten „die Show zu stehlen“, ohne deshalb irgendwie in Konkurrenz zu gehen. Denn hier zählt nur die Musik - die hohe Qualität und die  Freude daran.  Nichts anderes verspürt auch das Publikum!

Das betrifft vorerst ganz klar die erste Reihe auf der Bühne - Sänger Roger Cicero, Saxophonist Stephan Abel und Pianist Lutz Krajenski. Hinter diesen steht Bassist Hervé Jeanne, dessen Instrument naturgemäß vom Sound her weniger dominieren kann, als zum Beispiel das explosive Klanggemälde eines von Stephan Abel „malträtierten“ Saxophons, oder die funkensprühenden Pianoklänge des Lutz Krajenski.  Das Spiel des Bassisten  macht jedoch hervorragend klar, wie sehr der Bass eine Grundlage für die ganze Formation bildet:  ähnlich einem „ wummernd-vibrierendem Trampolin“ ist sein Spiel das sichere Fundament, auf dem alle Musiker sich austoben können, aber von dem sie immer wieder abgefedert  und alle zusammen gehalten werden. Auch Hervé bekommt später noch Gelegenheit, in einem dynamischen Duett mit Stephan Abel bravourös  zu glänzen.

Ebenfalls in „ zweiter Reihe“ sitzt Schlagzeuger Matthias Meusel. Er ist jemand, der optisch niemals eine „Show“ macht, obwohl sich das  beim Schlagzeug ja gut anbietet. Er wirkt ruhig  und  gelassen, aber gleichzeitig  auch von größter Konzentration. Man sieht ihm deutlich an, wie er auf die anderen Musiker und ihr Spielen äußerst genau achtet, und  er geht völlig auf in der Musik, genießt sie, scheint sie fast zu „inhalieren“! Vielleicht resultiert aus dieser Hingabe sein perfektes und  sensitives Timing. Meusels „Schläge“ sind punktgenau und bei einer Steigerung übertreibt er nicht – denn auch das machen Schlagzeuger gerne. Natürlich hat auch er sein großes Solo, wo er richtig ausholen kann. Es ist begeisternd, und immer wieder toll zu sehen, dass Matthias ganz bei der Musik bleibt, und keine Mätzchen macht. Ins Schwitzen kommt er dann übrigens doch, weil er musikalisch wirklich sein Bestes gibt.

Der längste Titel des Abends ist der ursprünglich brave Song „My Favorite Things“,  aus dem Musical „The Sound of Music“. Dass diese schöne Melodie keineswegs „brav“ klingen muss, haben schon die meisten großen Jazzer wie John Coltrane oder Al Jarreau bewiesen. Bei „After Hours“ wird aus dem Song ein ca. 15minütiges, vielfältig dimensioniertes Jazzereignis! Sicher ist dieser Titel neben dem überschäumenden „Red Top“ und Ciceros Prince-Adaption „How Come You Don’t Call Me Anymore“  das hervorstechende Glanzstück des Abends.

Nach dem eigentlichen Thema von „My Favorite Things“, setzt Roger Cicero an zum möglicherweise längsten „Marathon-Scat“ seiner (bisherigen) Karriere. Ich habe ihn jedenfalls niemals länger scatten gehört, weder live noch auf CD.  Er jagt seine Silben die  Tonleiter rauf und runter, zaubert Töne aller Klangfarben und Vorstellungen - und erweist sich als Meister der Jazzimprovisation. Spätestens seit Bachs Fugen wissen wir, wie viel Musik auch mit Mathematik zu tun hat. Bei Ciceros Scatgesang scheinen die Noten perfekt an der einzig richtigen Stelle zu sitzen, ebenso exakt richtig wie die Ziffern in einer großen mathematischen Formel! Hier ergänzen sich in bewundernswerter Art Ciceros natürliche, musikalische Anlagen mit seiner Ausbildung im Jazzgesang. Scatgesang ist mehr als ein dauernd wiederholtes „da-bo-du-bi-du-ba-du“. Gutes Scatten setzt hohe Musikalität voraus! Man muss sich schon etwas einfallen lassen! Wenn beim Scatten nicht spannungs -und ideenreich variiert wird, klingt Scat schnell langweilig, gar monoton. Diese Sorge braucht man bei  Cicero nicht zu haben. Ich wage es, ihn auf eine Liste mit Jon Hendricks oder Eddie Jefferson zu setzen. Von deutschen Jazzsängern ist mir niemand bekannt, der im Scatten Ciceros Niveau erreicht. ( Fans von „Zieh die Schuh aus“ , könnten irritiert sein!)  

Nach Rogers virtuosem Vokalexkurs gibt ihm Stephan Abel eine passionierte Antwort. In seinem langen Saxophonsolo geht Abel sehr weit. Er holt alles aus seinem Saxophon heraus, was möglich ist. Seine Töne erzielen jede Klangscala von fließender Weichheit und Geschmeidigkeit, vom melodisch-harmonischen Klang zu einer stählernen Härte, um sich dann auf dem Höhepunkt in einem  explosivem „Krachen“ zu entladen. In seinen  stärksten  (oder lustvollsten !)  Momenten  gerät Stephan Abel mit hochkomplexen Klangstrukturen  in den Bereich des Free Jazz.

Dann kommt Pianist Lutz Krajenski zum Zuge. Klar, dass er bei den spitzenmäßigen Performances von Roger und Stephan alles zeigen wird, was er kann! Wenn Lutz am Flügel sitzt, ist er glücklich, sein Gesicht lacht und strahlt. Jeder sieht, Lutz Krajenski lebt seine Musik und er scheint dann buchstäblich die personifizierte Lebensfreude zu sein. Sein kraftvolles Spiel erfüllt den Raum und ist prädestiniert für den kommenden, aufpeitschenden Höhepunkt! Krajenskis Solo von „My Favorite Things“ vereint in besonderen Maße den Jazz mit Elementen von Rhythm & Blues, Groove, Funk und Soul. Grund dafür ist natürlich sein Einsatz der Hammondorgel B-3, die er, hin -und her springend vom Flügel, vehement bedient. In musikalischer Verzückung wuchtet er ab und zu seinen ganzen Körper vom Pianoschemel in die Höhe.  Sein Spiel mit Piano und der Hammondorgel steigert sich geradezu „orgiastisch“, und dehnt den Climax! Der stürmisch aufbrausende  Applaus des Publikums bleibt nicht aus!

Bei der umwerfenden Version von „Red Top“ trägt Lutz Krajenski wieder mit seiner Hammondorgel auch gut Teil mit bei, dass diese Nummer „brodelnd bis kochend“ kaum steigerungsfähig ist. Wiederum ein Highlight von vielen an diesem Abend, die hier nicht alle detailliert erwähnt werden können.

Allerdings muss ich den Prince-Titel „How Come You Don’t Call Me Anymore“  doch kurz erwähnen.  Cicero-Fans kennen Rogers Version mit der Gruppe Soulounge und auch den mitreißenden  Liveauftritt mit Joja Wendt. An diesem Abend in Hannover war es der erste Titel direkt nach der Pause, und das war wirklich Rogers Nummer! Noch ausgefeilter und souliger geriet  die heutige Version, bei der immer wieder mit dynamischem Nachdruck der Refrain wiederholt wurde. Roger schonte sich nicht und probierte sich in „Extremgesang“, der oftmals über das traditionell-vokalistische hinausging. Immerhin lieferte er sich Spitzentöne, die ihn an seine stimmlichen Grenzen gemahnte.    

Selbstverständlich sind die Musiker von „After Hours“ auch sensible Begleiter bei Rogers ruhigeren Songs. Interessant ist Ciceros Bearbeitung des Beatles Klassikers  „I Wanna Hold Your Hand“. Bei seiner Moderation zu dem Titel sagt er, dass er das Stück total verfremdet hat, und gespannt sei, wer es erkennt. Ich finde die Neubearbeitung toll gelungen, und möchte gar keine andere Version mehr hören.

In meiner Erinnerung ist dieses Konzert von einer explodierenden Intensität gewesen. Ich glaube, jeder von „After Hours“ hat an diesem Abend sein großes künstlerisches Potenzial voll ausgeschöpft. Dominierend war die ungeheuerliche Spiellaune, die große Energie, die eher lauten Stücke und Töne. Vielleicht gerade deshalb ist mir das letzte Stück, die zweite Zugabe des Abends unvergesslich geblieben.

Roger Cicero sang „The Wedding“, eine Komposition vom berühmten Jazzpianisten Abdullah Ibrahim alias Dollar Brand. In Kontrast zu all den fetzigen Nummern vorher, wirkte der Song wie eine schwebende Fata Morgana im Raum. Ciceros Stimme klang nach all seiner Vokalakrobatik die er während dieses Konzertes einsetzte, plötzlich besonders schön und warm -  ja rätselhaft magisch! Im 3Raum war eine Einheit von andächtiger Ruhe und Aufmerksamkeit zu spüren.

So ging ein Spitzenkonzert zuende wie man es sich wünscht! Schön war zudem, dass die Leute in der Pause Gelegenheit hatten, mit den Musikern zu reden. Ich konnte kurz mit Roger Cicero sprechen und das bisherige Konzert gebührend loben, was ihn freute. Auch mit Matthias Meusel sprach ich kurz. Ihm sagte ich, es wäre  „dringend“ an der Zeit, ein drittes Album von „After Hours“   einzuspielen....

Kurz bevor „The Wedding“ von Roger endete, musste ich leider  schleunigst mit der lieben Maike zum Hannoveraner Bahnhof laufen. Der letzte  Zug zurück nach Köln ging  Punkt 23:00 Uhr. Roger hatte der Maike in der Pause noch lachend gesagt. „Elf Uhr ? - das schafft ihr nie!!!  Aber im 3Raum dufte eigentlich nur bis 22:30 Livemusik gemacht werden, und um 22:45 war wirklich Schluss.  Im Zug haben Maike und ich uns die ganze nächste Stunde über dieses Konzert ausgetauscht, wir schwebten noch in völliger Euphorie, die Endorphine wirkten nach. Die vielen Stunden mit der Bahn hatten sich gelohnt. Eines hat mir das Konzert auch bewiesen: Eine noch so gut aufgenommene CD mit gleichem musikalischem Programm kann sich niemals mit  einem Livekonzert von dieser Qualität messen. Und das ist gut so.


Werner Matrisch, Köln 20. Dezember 2007