Shirley Bassey - The Performance (CD Nov. 2009)

Die Diva alter Schule kann es noch immer.

Fälschlicherweise wird in den Anzeigen für Shirley Bassey’s neuer CD geschrieben, es sei ihr erstes Album seit zwanzig Jahren. Abgesehen vom letzten  Remix-Album ( 2007), auf dem auch neue Studioaufnahmen zu hören waren, ( The living tree, Get the party started) gab es ein Live-Album 1997 , „The Birthday Concert“ , und 1996 das Studioalbum „The Show must go on“, auf welchem sie Coverversionen von weltberühmten Songs interpretierte.  Wenn man Shirley Bassey’s neue CD hört, fragt man sich trotzdem unwillkürlich, warum sie sich über zehn Jahre Zeit gelassen hat für ein komplett neues Album. An ihrer Stimme kann es bestimmt nicht gelegen haben! Auf „The Performance“ lässt die große, geadelte Sängerin stilsicher mit Können und Verve den Sound der besten Entertainer der Sechziger und Siebziger aufleben – sie selbst natürlich inbegriffen. So klangen damals Songs und Orchesterarrangements der besten Aufnahmen von Sinatra, Sammy Davis, Tom Jones,  Dusty Springfield und Bassey herself.


Arrangiert wurde „bassey-adäquat“: elegant, geschmackvoll-konventionell bis gezielt wuchtig - eben ein wenig im Stil von großen Filmorchestern. Dabei geben stark akzentuierte Percussions und ein vordergründiges Schlagzeug dem 70er Sound mehr Pep und einen moderneren Touch.  Die Songs von „The Performance“  wurden allesamt neu geschrieben.  Große Namen wie The Pet Shop Boys, Rufus Wainright, Gary Barlow u.a.  fertigten maßgerechte Melodien und Texte für die Diva.

Viele Songs erinnern automatisch an große Bassey-Songs. So denkt man bei der sexy Stimmung von „Nice Men“ sofort an „Big Spender“ oder „Fever“. Das musikalische Rezept ist vergleichbar – ebenso verhält es sich mit einem der besten Songs vom neuen Album „ No good about goodbye“, welcher alle typischen Merkmale eines James-Bond-Songs aufweist - deshalb aber noch längst kein Plagiat irgend eines Bond-Songs ist.

Großartig ist auch gleich der erste Song: „Almost there“. Bassey startet den Song zunächst  verhalten und unspektakulär. Ihre nicht mehr junge Stimme hat hier, wie oft auch bei den anderen Titeln dieser CD, einen leicht melancholischen Unterton bekommen, der sehr warm und tiefgründig wirkt. Um so mehr begeistert sich der Hörer, wenn Basseys Stimme sich im Laufe des Songs dann doch noch beeindruckend kraftvoll und unangestrengt entfaltet, eben so, wie man es von der Bassey erwartet.  Mit den Worten „I’m going higher“ schwingt sich ihre Stimme beeindruckend voluminös nach oben.  Das Orchester begleitet sie synchron und klanggewaltig  im Aufbau zur großen musikalischen Steigerung. So könnte man sich einen „pop-pulären“ Tschaikowsky vorstellen. Selbst eingedenk aller tontechnischen Raffinessen, - über Kopfhörer ist mitunter recht viel Hall auf der Stimme zu hören, - ist die Stimmqualität der 72jährigen Sängerin sensationell.

Das ist Shirley Bassey „at her best“! Hier bedient sie, wie eigentlich auf dem ganzen Album, noch einmal voll und ganz ihre ruhmreiche Tradition und tut das, was sie schon immer am besten konnte.  Sie macht klar, wofür sie bis heute geliebt wird  -  wer sie war, was sie immer noch ist: die  perfekte Gesangsdiva der großen Posen - geschmückt mit Federboa oder bodenlangen, weißen Hermelinumhang schmetterte sie mit überwältigendem Stimmeinsatz ihre Noten auf den  funkelnden Showtreppen dieses Planeten. Sie ist die  ideale Verkörperung eines Showstars der alten Schule.  

Tieferliegende Emotionen oder übergreifende „Funken der Wahrheit“, konnten mir Judy Garland, Liza Minnelli, Barbra Streisand und auch die frühe Bette Midler mit vielen ihrer Songs jedoch immer besser vermitteln als Shirley Bassey. Ihre  Auftritte ließen mich niemals die „große Pose“ oder die „Show“ vergessen. Ein sicherlich großer Song wie „This is my life“ war immer perfekte Show, berührte aber nicht nachhaltig. Auch Bassey’s Interpretationen, der komplexeren Songs großer Komponisten des  All American Songbooks“  ( Porter, Gershwin, Arlen, Berlin, Mercer, Rogers & Hart) waren oft allzu glatt vorgestellt und blieben wegen der Permanenz ihrer enormen Donnerstimme eher an der Oberfläche.

Egal was sie sang, es klang immer nach „Goldfinger“. Das sind natürlich sehr subjektive Empfindungen meinerseits  – aber damit kann ich auch verdeutlichen, dass Shirley’s neues Album bei aller Qualität für mich nur wenig neue Facetten aufweist. Eine sehr bemerkenswerte Aufnahme ist dennoch dabei:  „After The Rain“ klingt inmitten recht  eingängiger Songs sehr edel und kostbar. Wie eine  ruhige Oase hebt sich der filigrane Song mit den konzertanten Streichern und Piano  von den anderen, breit orchestrierten Songs ab. Bassey’s  Stimme ist bei allen anderen Songs auch technisch makellos, aber bei „After the rain“ überzeugt sie doch in besonderer Weise.  Weich intoniert und mit zartem Vibrato  macht sie aus dieser schlichten, aber vor allem originellen Melodie,  ein  kleines,  berührendes Meisterwerk.  

Dagegen sind die Songs „The girl from Tiger Bay“ und besonders “As God is my witness“  schon sehr simpel gestrickt. Sie klingen wie x-mal gehört. Diese Melodien sind in ihren Tonfolgen so vorhersehbar und austauschbar,  dass man sie praktisch sofort mitsingen kann.  Gut arrangiert sind die Songs dennoch – womit gesagt sei, dass auf „The Performence“ nichts missglückt, sondern hinsichtlich eines nicht übermäßig  hohen Anspruchs alles gelungen ist.

Das liegt auch daran, dass Frau Bassey kein Risiko eingeht und nur aus dem Fundus ihrer eigenen, künstlerischen Möglichkeiten schöpft, die sie eh weit über ein Mittelmass hinaus heben. „The Performance“  zeigt deutlich, dass Sängerinnen wie Shirley Bassey zur aussterbenden Art ihrer Zunft gehören. Wer könnte diese Stimme, wenn sie aus dem Radio ertönt, nicht sofort der Bassey zu ordnen? Die Individualität und die  hohe Qualität der Basseystimme ist auch auf dem neuen Album unverkennbar vorhanden. Eine Qualität die sie gut fünfzig Jahre  im Musikgeschäft überleben ließ.

Absolut adäquates Songmaterial erhält sie mit „This time“ und “Our time is now“.  Beide Songs sind lebensbejahende, romantische  Balladen die sie nuanciert, klangschön – einfach ideal interpretieren kann. Nach „After the rain“ und „Almost there“ zwei weitere Highlights der CD. „Apartment“verbreitet leicht rhythmisch mit seinem gitarrenlastigen Arrangement spanisches Flair.  

Mit dem anerkennenswerten Titelsong, „The perfomance of my life“ gestaltet die Bassey ein kurzes und  sensibles Selbstbekenntis, welches angenehm auch ohne Show-Arien-Effekte auskommt. Hier hat sie Understatement dem Bombast von „This is my life“ oder „ I who have nothing“ vorgezogen.

Ebenso verhielt sie sich auch  bei der Auswahl des unglamourösen Coverfotos, welches wie eine leicht körnige Momentaufnahme in schwarz/weiß,  sehr natürlich wirkt.

Die stilistische Bandbreite von „The Performance“  ist sicher  nicht außerordentlich - und trotz kleiner Kritik an der großen Eingängigkeit des Albums, vergebe ich gerne und guten Gewissens die höchste Punktzahl.

Bassey’s  Stimmpräsenz ist nach wie vor herausragend und das Album ist sorgfältig und gekonnt produziert. Mit diesen brandneuen Songs erreicht Shirley Bassey, auch noch im Alter von 72, das Niveau der  besten Aufnahmen ihrer große Karriere. Als Könnerin ihres Genre klingt  sie trotz großer Routiniertheit immer noch authentisch.
Was will man mehr!

Werner Matrisch,  Köln  21. November 2009