Volkan Baydar & Pivo Deinert

Ein intimes Soulfest vom Feinsten !

In einer früheren Konzertrezension zu Volkan Baydar schrieb ich mal, – wie immer gerne etwas euphorisch – dass ich Volkan für das größte Soultalent in Deutschland hielte. Wie schön, dass ich diese Einschätzung nach seinem Konzert im Kölner Pfandhaus voller Überzeugung immer noch unterstreichen kann – sogar muß ! Zahlreich waren die Besucher leider nicht erschienen – jedoch bot sich gerade deshalb für Volkan Baydar die Gelegenheit, zusammen mit seinem Gitarristen Pivo Deinert, ein faszinierend intimes, ebenso außergwöhnliches wie emotionales, und nicht zuletzt auch humorvolles  Konzert für die ca. 50 Gäste zu gestalten.

Über seine absolute Professionalität als Musiker und Sänger muss man eigentlich nichts mehr schreiben – trotzdem möchte ich doch dazu noch etwas erwähnen. Ich hatte das Privileg, dem Soundcheck beizuwohnen. Nie zuvor hatte ich Volkan ca. eine Stunde beim Klavierspiel zugehört. Vollkommen konzentriert, gelassen aber versiert spielte er seine Kompositionen.

Es klang so schön, dass ich mir sogar einen reinen Solo-Klavierabend mit ihm vorstellen könnte.  Später bei der Mikrofonprobe gab er – aus dem Stand heraus  – zum Teil textfreie Kostproben seiner Soul-Phrasierungen, die in ihrer Unverfälschtheit  und unglaublichen Dynamik einen wahren Meister des Soul-und Bluesgesangs kennzeichneten!

Die Besonderheit dieses Konzerts beginnt schon damit, dass das Repertoire zwar ausgesucht- aber keinesfalls in der Reihenfolge feststand. Sich abwechselnd, reichten Volkan oder Pivo Deinert nach jedem Song dem Publikum einen großen silbernen Kübel in dem Zettelchen mit den Songtiteln auszusuchen waren. So gab es keine ausgeklügelte Dramaturgie, auf deren Ablauf sich die Künstler einstellen konnten. Spontaneität war also gefragt und die zwei Künstler habe das souverän  gemeistert. Trocken witzig war Volkan oft in seiner Moderation zu den Songs – kam dabei aber niemals in die Nähe von Comedians, weil sich sein Humor hintergründig zeigte und immer auch sehr persönliche Lebenserfahrung offenbarte.

Dabei ist er sympathisch, weil seine Geschichten zur jeweiligen  Songentstehung so  total ehrlich oder komisch klingen. Wie entstehen Songs?  Setzen sich Komponisten um 9 Uhr an den Schreibtisch, und komponieren bis 17 Uhr? Nein, so geht das bei Volkan Baydar nicht. Ihm fallen Songs beim Rasieren, unter der Dusche,  oder nächtens auf einsamen Straßen in einem Pariser Industrieviertel ein….Und wie rettet man  musikalische Ideen, die so ungeplant, also unvorhergesehen – manchmal nur ganz vage – aber doch plötzlich da sind?  Man springt  z. B irgendwann nach Mitternacht aus dem Bett,  rennt in das weitest entfernte Zimmer der Wohnung, um die schlafende Freundin nicht zu stören – und singt dann die gerade eingefallene Melodie schnell ins Handy…..

In diesem Pariser Industrieviertel wurde z. B. der wunderbare Song „Lenny“ geboren, den Volkan dem kleinen Sohn einer Freundin widmete. Er hatte Volkan zu diesem Song inspiriert. Im Konzert wurde der Song als gefühlvolle  Ballade vorgetragen. (Auf der gerade erschienenen EP „Soul Initiation“ bekam der Song  „Lenny“ ein leicht swingendes, guitar-bass-drumbetontes  Arrangement, was den Song soundmäßig natürlich verändert aber trotzdem sehr stimmig und schön  ist).. Volkan spricht vor dem Song über seine besondere Beziehung zu Kindern – dass er Kinder bewundert, oft beneidet wegen ihrer Unbekümmertheit und Direktheit.

Da taucht die Sehsucht zur eigen Kindheit auf und er ertappt sich, dass man – oder er – sich als „Erwachsener“ nur allzu oft inszeniert.
Kurz darauf zog ich aus dem Kübel den Song „Can’t resist the feeling“, welcher in seinem überbordendem Rhythmus ein totaler Kontrast war. Volkan ist in Sekundenschnelle „mitten drin in dem Song“, – er geht so auf in dem Song – dass es ihn nicht mehr auf dem Klavierhocker hält.

Plötzlich steht er auf dem Hocker und begeistert das Publikum mit diesem ausschweifendem Soulgesang: vokale Höhenflüge mit guturalen Schreien! Sozusagen „am laufenden Band“ liefert Volkan diese kaum endenden, durchdringenden, sich immer wieder klanglich variierenden  Noten. Bereits „eine einzige“  von diesen langezogenen Powernoten, könnte bei anderen Sängern der „Höhepunkt“ ihrer  Performance sein…

Aber das allein macht seine Gesangskunst nicht aus. Kopfstimme – zum Beispiel – ist für Volkan Baydar kein Thema oder eine Besonderheit, die er stolz vorführt. Wo es passt, bedient er sich ihrer, scheint sie fast automatisch abzurufen…er kann sich drauf verlassen – sie ist da-allgegenwärtig innerhalb seines erstaunlichen Stimmspektrums. Dann wieder ist es absolut begeisternd, wie er bei seinem oft schon exzessivem Singen selbst die heikelsten, dramatischsten Noten unter Kontrolle hat… einfach so. Bei diesen stimmlichen Hochleistungen „verrutscht “ ihm kein Ton ! Selbstverständlich gelingen Volkan auch leise, zarte Gesangspassagen. Sein Singen ist immer emotional und nuanciert. „Everything must change“,  der  Jazzklassiker mit großem Tonumfang und einziger Cover des Abends, zeigte besonders schön wie  hochemotional sein Gesangsstil sein kann.

Gespielt haben die zwei Künstler über zweieinhalb Stunden- in denen  es nur ein kleine Pause gab, die aber nicht geplant war.  Gitarrist Pivo Deinert vermisste ein kleines Teil, mit dem man bei der E-Gitarre einen Hillbilly-Sound erzeugen kann. So lief er zum Backstagebereich, wo er das Teil vermutete. Es wurde gesagt,man könne jetzt gut Getränke kaufen. Man tat das, während Volkan am Piano in 2-3 Takten ultraknapp Klassiker der Klaviermusik – „Für Elise“, oder Richard Clayderman’s Schnulze „Ballade Pour Adeline“  intonierte.

Mit Pivo Deinert arbeitet Volkan seit ca. vier Jahren. Es war gleich zu Beginn des Konzerts zu spüren, dass Volkan und Pivo in wunderbarer Weise –  freundschaftlich und auch  musikalisch –  aufeinander eingespielt sind. Neben Blues, Balladen und Soulstücken gab es auch Titel, in denen Pivo seiner Gitarre Countryklänge beimischte. Ansonsten war er für Volkan ein adäquater Begleiter, bestach mit virtuosen Riffs und stand ihm an  Dynamik in nichts nach.

Volkans Song „Love Love Love“ war ursprünglich als türkischer Beitrag zum European Songcontest  geplant. Beim Konzert im Alten Pfandhaus standen die Worte auf seinem weißen T-Shirt. Volkan’s Grundgedanke für diesen Song ist,  dass fast alles, was Menschen im Leben machen, durch „Love“ motiviert wurde….Und er spricht die Gleichheit der Menschen an,  wenn es heißt: “ I am turkish,  I am german, I am greek“,  usw.  Unzählige Nationalitäten werden aufgerufen. Dazu braucht er den ausgedruckten Text, der ihm  aus dem Backstage nachgereicht wird. Auch hier ist er ehrlich und sagt, er möchte keinen Fehler machen, weil er mit dem Text nicht firm ist. Ein sehr eindrucksvoller , dynamischer Song!

Bleibt zu sagen, dass ein Konzert erlebt wurde, welches an Authentizität schwerlich zu übertreffen ist. Sicher klingt es ein wenig allgemein und abgenutzt – aber es ist so: Volkan lebt jeden Song, jede Note, jede Silbe die er singt. Er schöpft sein künstlerisches Potenzial bei jeder Vorstellung bis zur Neige aus – vielleicht ohne sich dessen bewußt zu sein. Es geschieht einfach, und zwar unaufgesetzt. Volkans Stimme, Technik, die tonalen Phrasierungs- und Verwandlungskünste im Soul- und Bluesbereich, die Energie seiner Performance  – das ist in unseren deutschen Landen bisher unerreicht. Besonders seine tieferen Gesangspartien erinnern ausdrucksmäßig und klanglich sehr an Ray Charles. Wenn man Volkan’s Livekonzerte mit seinen CD-Einspielungen als Leadsänger der Popformation „Orange Blue“ vergleicht,  erkennt man sofort, dass „live“ gehört seine Soul- und Bluesstimme jeglichen Pop- und Mainstreamklang an Intensität überstrahlt.

Obwohl die Instrumentierung des Konzerts sparsam besetzt war ( Gitarre und Piano,) wurde klanglich nichts vermisst. Im Gegenteil – es war ja ein „Unplugged-Konzert“, ( nur die Seiten der akustischen Gitarre wurden mit sogenannten „Tonabnehmern“ vorverstärkt und dann in den Hauptverstärker (=Amp) geleitet), die dem Abend diese hautnahe, sehr intensive Atmosphäre gab, in der keine Nuance verloren ging. Das Publikum dankte am Ende stürmisch mit stehenden Ovationen.

Ich möchte nicht verschweigen, dass Volkan an diesem Abend von einer Erkältung immer noch leicht angeschlagen war. Nach beinahe jedem Song, den er perfekt hinbekommen hatte,  musste er ein wenig husten und trank dann Mineralwasser. So hat es auch jeder Konzertbesucher ohne Unmut, sogar achtungsvoll akzeptiert, dass Volkan nach zwei oder drei Zugaben am Ende des Auftritts mit frappierender Natürlichkeit erklärte: „Leute, wir spielen jetzt nichts mehr…ich bin ziemlich fertig“.
Häufig schaute ich während dieses Konzerts auf die Gesichter der Besucher um auszumachen, wie Volkan „ankam“.. und ich sah viel Zufriedenheit, Lächeln und auch schiere Begeisterung.

Volkan Baydar und Pivo Deinert entfachten ein  intimes, schillerndes  Soulfest vom Feinsten.

 

Werner Matrisch,  11. Dezember 2011

Volkan Baydar stellt sein neues Solo-Album vor

„Raum Schaffen“

Am 6. Oktober 2012 stellte Volkan Baydar sein neues Solo-Album live im Alten Pfandhaus vor.

Nach diesem Konzert mit Volkan Baydar und seinen vier Musikern, wurde ich sogleich von Freunden und Bekannten gefragt, ob ich wieder eine Rezension schreibe….
Ich konnte mich dazu nicht eindeutig äußern „“ zu groß und intensiv war der Nachklang der gehörten Musik.Was könnte ich über einen Künstler schreiben, den ich schon in früheren Konzertrezensionen mit allen Superlativen bedacht und beschrieben hatte ?
Wäre eine Steigerung nach dieser fulminanten Live-Vorstellung seines neuen Albums „Raum Schaffen“ nicht zwingend nötig? Volkan Baydar hatte sich selber übertroffen, er war noch besser, noch intensiver als jemals zuvor …usw, usw…so gingen meine Gedanken….

Aber nein, „Musikmachen ist kein Wettbewerb“ „“ das war zum Beispiel eine Randbemerkung von Volkan zu Castingshows. Es kommt darauf an, GEMEINSAM Musik zu machen, und nicht darauf, seine musikalischen Mitstreiter zu übertrumpfen um als der Beste zu glänzen. Und diese Einstellung wurde im Konzert durch Volkans Performance und seinen vier Musikern überdeutlich.

In seiner Moderation vermittelt er ganz beiläufig Ansichten, Lebenseinstellungen, Geschichten und prägende Erfahrungen. Das gelingt ungemein sympathisch, locker, witzig und interessant. Volkan schafft damit einen durchaus geeigneten Bezug zur momentanen Identifizierung mit ihm und seiner Musik! Eben die beste Voraussetzung für ein „gebanntes Zuhören“.

Volkan Baydar hat auf seinem neuen Album neben sechs englischen Songs zum ersten Male auch deutschsprachige Songs getextet und komponiert. Es geht ihm dabei um Direkheit, Unverfälschtheit. Um das unmittelbare Verstehen: ohne Umwege des Übersetzens seiner Texte, die ihm sehr wichtig sind. Es ist spannend zu hören, wie unterschiedlich ein uns bekannter Sänger in einer anderen Sprache klingen und wirken kann.

Volkans deutschersprachiger Gesang hört sich härter, sperriger, gleichwohl aber auch intensiver an. Da ist eine Direkheit und Eindringlichkeit im Ausdruck, die schmerzend, beinahe verletzend wirkt, je nachdem, wie er die Worte singt und akzentuiert. Er hat sein Publikum damit erreicht! Mir erzählten andere Besucher, dass ihnen oft genug die Augen feucht wurden „“ auch wenn es musikalisch kein „sanfter“ Song war, wie zum Beispiel „Ich Bin Geboren“. Ein Lied, welches Volkan für seinen kleinen Sohn geschrieben hat. Der sass mit seiner Mutter in einer der oberen Reihen. Am Ende des Songs lief er hinunter zu seinem Vater, der ihn liebvoll in den Arm nahm und drückte. Das hatte einerseits höchstes Kitschpotenzial, (für einen „bösen“ Kritiker…) anderseits wirkte es so unverschämt berührend echt, dass es jedweder Peinlichkeit entbehrte „“ und ein Lächeln oder sichtbares Mitfühlen auf den Gesichtern des Publikum hinterlies.

Knallhart und voller Verzweiflung kam der Song „Liebst Du Mich Wirklich Nicht“. Es gehört zu Volkans künstlerischem und verblüffendem Charakteristikum, sich sekundenschnell in Ekstase singen zu können „“ er braucht kaum „Anlaufzeit“ um warm zu werden. Er ist sofort in seinem Song mittendrin „“ den er lebt, dessen Drama er durchleidet. Er weiß, worum es geht, und er zeigt es überdeutlich und ausdrucksstark mit vokalen Ausbrüchen…. nein, man kann es ruhig schreiben: Es sind Notrufe an die Geliebte, an Freunde, an uns, an die Gesellschaft und ihre Zustände. Da ist mancher Zuhörer gefordert, ihm in dieser Heftigkeit zu folgen. Volkans mindestens ebenso emotionale Körpersprache, die immer in einer Art übereinstimmender Synchronisation zu Bruchteilen jeder seiner Noten überdeutlich ist, läßt einen jedoch alles miterleben und verstehen.

Mit seinen deutschen Songs betritt Volkan Baydar einen für ihn neuen Raum, in dem er sein scheinbar angeborenes, englisch orientiertes Soulfeeling auf seine höchst intensive Weise überzeugend „eindeutscht“. Musikalisch sowie textlich bereichert er den aktuellen deutschsprachigen Gegenwartspop mit seinen inspirierten, sensiblen Texten und einer veritablen Stimmqualität, wie sie hier nur selten anzutreffen ist. (Ich sags mal nur für mich allein im Kämmerlein: Da versinken Bendzko & Co in tiefster, blasser Austausch- und Mittelmäßigkeit).

Volkans englische Songs klingen trotz seines expressiv-souligen Vortrags, verglichen mit den deutschen Songs tatsächlich weicher und gewohnter in unseren Ohren. Wunderschön die Songs: My Heart Belongs To Istanbul“ und „Love, Love, Love“. Eine hymnische Ballade, gemünzt auf die Rivalitäten beim Eurovision Songcontest. Und eigentlich könnte auch die gesamte Menscheit gemeint sein. Denn die Aussage von „Love, Love, Love“ ist ebenso einfach wie die schlichte Erkenntnis, dass wir im Grunde alle gleich sind, egal aus welchen Land wir kommen und dass Liebe die Hauptmotivation für alles ist oder dass nichts wirklich gut gedeiht, was ohne Liebe getan wird.

Mit dem mitreissendem „Standing On The Edge“ gerät Volkan und Band haarscharf an furiosen Hardrock heran. Ansonsten herrscht bei den englischsprachigen Songs („Soul Initiation“ und andere) vorwärtspreschender, geradezu höllischer Funk mit entsprechendem Sound ( knalliglaut!), der einen nur mit der größten Zurückhaltung auf den Sitzen hält.

Der Titelsong der neuen CD „Raum Schaffen“ ( bereits vorab als Single erschienen) wurde natürlich auch vorgestellt und begeistert aufgenommen. Durch den kleinen Gastauftritt der Tochter des Gitarristen Pivo Deinert, erhielt der Song nochmal eine besondere, vertiefende Note.

Am Ende sagt er in typischer Volkan-Manier: Dies ist unser letzter Song, und wenn ihr „Zugabe“ ruft, kommen wir nochmal raus“. Lachen!

Die vorletzte Zugabe wird dann aber besinnlich ruhig: Der Song „I Breathe“ beeindruckt tief und nachhaltig. Ein Lied aus der Sicht eines gerade Verstorbenen an die Trauernden. Welch schöne Idee.
Einmal mehr zeigte Volkan in diesem Konzert seine Unverwechselbarkeit und eine fast schon irritierende, unbedingte Authentizität.

Das neue Album „Raum Schaffen“ erscheint am 19. Oktober und ist auch bei Amazon erhältlich. Wäre es bei diesem Konzert schon verfügbar gewesen, es hätte viele Käufer gefunden.


 Werner Matrisch, 10.Oktober 2012

Volkan Baydar - Live in den RUDAS STUDIOS (13. April 2010)

Feuerwerk der Soultöne

Letzten Dienstag stand Volkan Baydar in Düsseldorf innerhalb der Eventreihe der RUDAS STUDIOS „afterwork“ mit der Band „Fresh Music Live“ auf der dortigen Bühne. Das beeindruckende technische Equipment des geräumigen und mondän-coolen Clubs lies einen fulminanten Sound erwarten.

Bevor ich meine Eindrücke zu diesem Konzert von Volkan Baydar zusammenfasse, möchte ich zunächst an den letzten Satz meiner Konzertbesprechung zu Volkans Auftritt im Essener Stadtgarten (Goove Night, August 2009) erinnern. Ich schrieb damals: „Für mich ist er Deutschlands erster wirklicher Soulsänger,- oder der Soulsänger Nr.1 aus deutschen Lande - wie man will.“

Das waren relativ gewichtige Worte, vielleicht noch getragen von „Resteuphorie“ - ein paar Tage nach einem Konzert, in dem ich Volkan zum ersten Male „live“ erlebte. Wenn ich jetzt schreibe, dass dieses Urteil in noch größerem Masse zutrifft, als ich damals ahnen konnte, dann hat das weniger mit Euphorie zu tun, sondern schlicht mit einer unglaublich guten und leidenschaftlichen Performance von Volkan Baydar.

In zwei Blöcken sang er circa 15, teilweise recht lange Songs, in denen er sein atemberaubendes „Soul-Talent“ akustisch und auch körperlich unter Beweis stellte. Etwas anders als im Essener Konzert, bei dem er einiges an Jazz einfließen lies, war sein Programm in den RUDAS STUDIOS absolut auf Rhythm & Blues und viel, viel, Soul konzentriert.

Und Volkan brachte Soul in der härtesten Gangart! Nichts im Sound und seinem Gesang war hochglanzpoliert, mainstreamtauglich und auch nicht die Spur „schmusig“ in der einzigen, selbst komponierten Ballade des Abends : „Child Inside“. Wunderschön !

Die Band „Fresh Music Live“ begleitete knallhart und hervorragend ! Volkans Stimme klang rauh, ungebändigt, authentisch und immer traumhaft sicher in der Intonation! Intuitiv erfasste sein Singen das typische Idiom des Soulgesangs! Da waren immer wieder die guturalen, bis in Quietschhöhe ausbrechenden Schreie, die er häufig mit einem Sprung in die Luft heraus zu schleudern schien. Wenn sein Name den charismatischen Klang eines James Brown hätte, das Publikum hätte Volkan sofort die volle Aufmerksamkeit geschenkt und sicher vor Begeisterung die Halle abgerissen.

Aber das Düsseldorfer Publikum brauchte eine Weile, bis es die außerordentliche Qualität seiner Vorstellung erkannte. Viele Gäste kommen jeden Dienstag zu diesen afterwork-Events und während der ersten Songs treffen immer noch Gäste ein – es wird noch viel geredet- von Konzentration auf die Live-Performance konnte erstmal leider keine Rede sein. Laute Musik, ob aus den Boxen oder „Live“ ist sowieso allgegenwärtig...man kennt das und achtet nicht immer darauf, wer gerade auf der Bühne steht.

Aber Volkan “kriegte“ sie schon gegen Ende des ersten Blocks, vor der Pause. Ein Welthit wie Wonder's „Superstition“ zeigte nun doch das atemberaubende Kaliber des Volkan Baydar und lies auch musikübersättigte und nur oberflächlich hinhörende Gäste aufhorchen. Die Energie, mit der Volkan sich einen Song vornimmt, kann niemanden unbeteiligt lassen.


Volkans Songauswahl an diesem Abend beinhaltete auch viele neue und eigene Songs. Der Leadsänger der erfolgreichen Pop-Formation „ORANGE BLUE“ beabsichtigt, demnächst ein Soloalbum zu veröffentlichen, bei dem der Soul absolut Vorrang hat. Gleich der erste Song „Beautiful Day“ war eine gute Kostprobe darauf. Diese Komposition ist sehr melodiös, dabei aber mit tollem, tanzbarem Groove versehen – und total soulig im Vortrag. Die Live- Instrumentierung zum Song schien mir gelungener als die Version, die man sich auf der internetseite :http://www.volkan-baydar.de/volkans-termine/index.php, anhören kann. Das klang jetzt doch wesentlich fetter und funkiger!

Jeder Song danach war eigentlich eine fortwährende Steigerung. Er bringt faszinierenden Falsettgesang wie Marvin Gaye es nicht besser könnte. Er investiert in sein Singen soviel Leidenschaft - man hat das Gefühl, Volkan will, dass jede seiner Noten ein eigenes Highlight für sich ist! Es ist klar, dass ein Sänger, der solche Töne hervorbringt, der seinen Stimmbändern unglaubliches abverlangt, nicht stocksteif vor seinem Mikro stehen bleibt.

So ist die Intensität seines Singens immer auch mit seinem Körper verbunden. Er dreht, springt und windet sich. Seine tänzerischen Bewegungen sind ebenfalls überzeugender Ausdruck einer hohen Musikalität. Wenn er spontan von der Bühne ins Publikum springt, will er seine Verbundenheit mit dem Publikum unterstreichen und keinesfalls eine bloße „Show“ machen.

In diesem Zusammenhang sollte man vielleicht erwähnen, dass Volkan in New York die „Method Acting nach Strasbeg“ studierte. Das ist eine US-amerikanische Variante des Naturalismus im Schauspiel ( dazu auch Wikipedia: „Um zu verhindern, dass Gesang und Tanz zu äußerlichen Routinehandlungen wurden, zerhackte er (Strasberg) die musikalischen und tänzerischen Abläufe, bis der Darsteller völlig auf sich selbst zurückgeworfen war. Dies nannte er Song-and-dance exercise“ ).

Das Resultat dieses Studiums kann man sehr gut an Volkans Performance beobachten. Er ist wirklich „völlig auf sich zurückgeworfen“. Seine emotionalen Ausbrüche im Gesang ( sowie seines Körpers) wirken echt und lassen keine Routine sondern Naturtalent, und höchstens die Professionalität erkennen, die er durch jahrelange Performances erreicht hat.

Tatsächlich sehe ich in Volkans Temperament auch eine gewisse kindliche Unschuld. So wie es Kindern eigen sein kann, hat sich Volkan Ursprünglichkeit und Unbekümmertheit bewahrt, die sich auch humorvoll in schalkhaften Gebärden und Blicken während seiner Performance ausdrückt. Was er macht, das macht er JETZT, spontan in DIESEM Moment und völlig unkalkuliert. Deshalb ist er so authentisch.

Dazu passt dann auch seine Bescheidenheit. In der Pause sagte ich zu Volkan, ich fände es etwas schade, dass man seinen Auftritt dem Publikum nicht angemessen und informativ vorgestellt hätte.

So in der Art: „Wir sind stolz, Ihnen heute Volkan Baydar - den Leadsänger von Orange Blue - zu präsentieren. „Blue Orange“ haben seit ihrem ersten Album bereits über 1 Millionen Tonträger verkauft. Volkan Baydar wird heute viele Songs seiner bereits produzierten Solo-CD vorstellen! Freuen sie sich auf einen großen Soulsänger!“


Darauf meinte Volkan zu mir: „So etwas ist mir nicht wichtig!“

Nach der Pause entfachte Volkan ein wahres Feuerwerk an Soultönen ! Das war nur noch umwerfend guter Soul in Reinkultur. „Soul Initiation“, Song und Titel seiner Solo-CD groovte und funkte! Der fantastische Sound in den RUDAS STUDIOS sorgte dafür, dass auch das Bauchfell tanzte! Wenn es eine „Einweihung“ in den Soul geben kann, dann war dies eine 100% wirkungsvolle und mitreißende! Bei Stevie Wonders „Living in the City“ oder Michael Jacksons „Man In The Mirror“ wogte und tanzte die Masse von ca. 800 Besuchern. Es hatte etwas gedauert, aber nun wusste wohl jeder Anwesende diesen großartigen, kraftvollen Aufritt von Volkan zu schätzen.

Folgendes habe ich bei Wikipedia unter Stichwort „Soul“ gefunden, was nach meinem Empfinden auch mehr oder weniger auf Volkan und seine offensichtliche Begabung für den klassischen Soulgesang zutreffen könnte:

„Seit Beginn des neuen Jahrtausends kann man auch in Deutschland von einer eigenständigen Soul-Szene sprechen. Oft sind die Acts aus der seit Anfang der Neunziger recht regen Hip-Hop-Szene hervorgegangen. Ein schwarzer oder zumindest migrantischer Hintergrund sorgt bei vielen Künstlern des deutschen Soul für zusätzliche Authentizität“

Auch wenn Volkan Baydar's Musik im Moment noch keine umwälzenden stilistischen Erneuerungen eines Soul-Stils zeigen, so habe ich keinen Zweifel daran, dass er definitiv Deutschlands bester und einzig wahrer Soulsänger in der Tradition der großen Soulkünstler der 60er, 70er oder 80er Jahre ist.

Ich hoffe sein künftiges Soloalbum wird dementsprechend viele Musikliebhaber dieser Richtung überzeugen.


© Werner Matrisch, Köln 15. April 2010

 

 

Volkan Baydar im Essener Stadtgarten (21.8.2009)

Entfesselter Soulgesang beim "Groove Night" Konzert!

Unter dem viel versprechendem Titel „Groove Night“ (Info***)  gab es im Essener Stadtgarten  auf der Terrasse des Wallberg-Restaurants am 21. August 2009  das bereits dritte  Open Air Konzert in Folge. Dank verschiedener Sponsoren konnten sich Livemusikfans eintrittfrei bereits ab 17 Uhr an professionell und temperamentvoll gespieltem Jazz und Swing erfreuen. Ab 20 Uhr traten dann nacheinander, und später auch als Duo oder Trio, die Vokalisten Volkan Baydar, Harriet Lewis und Daisy L. mit beeindruckendem Soul-Pop-Blues Programm auf.  

Alle drei Interpreten überzeugten und begeisterten gleichermaßen mit größtem Einsatz, Können und Vielseitigkeit. Ich werde mich in dieser Besprechung allerdings auf Volkan Baydar beschränken, denn eigentlich habe ich nur durch eine Empfehlung auf Volkan hin, diesem spannenden Konzert beigewohnt, worüber ich mich nachträglich sehr glücklich schätze.

Volkan Baydar ist der Sänger des erfolgreichen Popduos „Orange Blue“, welches seit ca. zehn Jahren CDs veröffentlicht und inzwischen über eine Million Tonträger verkaufte. (s. Wikipedia). Sein langer Soloauftritt an diesem Abend steigerte sich von Song zu Song und entfachte beim Publikum jubelnde Begeisterung bis hin zur Euphorie. Das war nicht verwunderlich, denn Volkan zeigte mit Versiertheit, großer Leidenschaft und auch Humor all seine musikalischen Entfaltungsmöglichkeiten innerhalb des Soul- Blues- und Jazzgesangs.

Bevor die großartige Soul– und Gospelsängerin Harriet Lewis ihren Auftritt beendete, kam Volkan auf die Bühne. Beide Künstler glänzten in einem hinreißenden Duett mit dem Jazzstandard „Georgia On My Mind“. Der Song wurde bereits 1930 komponiert. Die wohl berühmteste Version brachte Ray Charles - er wurde dafür  1961 mit einem  Grammy geehrt. Am Ende der langen Konzertnacht brachten die drei Interpreten ( Baydar, Lewis + Daisy L.)  als Terzett noch eine Hommage an die Blueslegende Ray Charles:

 „Hit The Road Jack“ konnte im fetzigen Funkgewand die Wirkung nicht verfehlen. Die Performance aller Drei entwickelte sich zur  „Tour de Force“, in der jeder Künstler seine individuelle Musikalität potenzierte. Volkan „raspelte“ zwischendurch mit aufgerauter Stimme in Ray-Charles-Manier, um dann wieder mit der Kraft seiner eigenen, energievollen Stimme zu funkeln.

Aber das war die offizielle Abschlussnummer. Vorher hatte Volkan bereits genug Gelegenheit, sein großes Talent als Soulsänger geradezu überbordend unter Beweis zu stellen. Volkan’s Ausdrucksspektrum ist beachtlich: seine Stimme besitzt eine kräftige Mittellage, aufgeraute  oder samtene Tiefen aus der er blitzschnell hoch zum  perfektem Falsett steuern kann. Der türkischstämmige Sänger ist sowohl in seinem Singen wie in seiner körperlichen Performance durch und durch emotional. Seine Gefühle  halten ihn nicht zurück, bisweilen expressive, gutturale Schreie auszustoßen, zu wimmern, zu stöhnen oder seine Stimme in den  lauten und hohen „screams“„  zu verzerren. Ideale Bedingungen für den Soulgesang.

Dass er mit seinem ganzen Körper „singt“, unterstützt wirkungsvoll seine Vorstellung. Selbst verrückteste, schon veitstanzerinnernde Bewegungen kommen so intuitiv und instinktiv, dass an der Authentizität des Künstlers nicht zu zweifeln ist. Volkan’s gefühlsbetonte Körpersprache hat auch etwas von der Intensität der  Bewegungen eines Joe Cockers – jedoch sind sie bei Volkan weicher, fließender,  und wirken somit musikalisch besser im Einklang mit seinem Gesang.                                                                    

Manchmal wirkt Volkan auf der Bühne auch wie ein verwegener Clown. Er ist im Land seiner Musik versunken wie ein Kind  im Spiel mit einem neuen, lange ersehntem Spielzeug. Mit seinem Gesang geht Volkan so verschwenderisch um, als gäbe er im Singen sein ganzes Bewusstsein auf – nur seine Stimme personifiziert sein ganzes Dasein - sonst nichts. Er scheint sich wie in einer anderen Dimension zu bewegen –ist nicht mehr „ bei sich“, oder ist gerade auf die ursprünglichste Weise „bei sich“. Volkan kennt keine Zurückhaltung und verzehrt sich in Leidenschaft.

Dabei ist nichts kalkuliert – auch nicht ein plötzlicher Sprung von der Bühne, wenn ein Musiker gerade ein Solo spielt. Dann dreht er voller naiver Lebensfreude, nassgeschwitzt eine kurze Runde durchs nahe Publikum. Er lässt sich auf die Schulter klopfen  und feuert seine Kollegen da oben auf der Bühne an, als gehöre er zum Publikum, oder als wäre er selber ein Fan!

Dann springt er wieder hoch auf die Bühne und schafft unermüdlich weiter!  Volkan konnte mit jedem Song überzeugen - mit einem Michael Jackson Song ebenso wie mit einer stark groovenden Eigenkomposition, die auf seinem ersten Soloalbum enthalten ist. (Soll im Frühjahr 2010 unter dem Titel: "Volkan's Soul Initiation"  erscheinen. ) Mit seiner Version des Stevie Wonder Hits „Superstition“ brachte er den besten Cover dieses Songs, den ich bisher gehört habe!

Trotz Soul, Blues, Funk und Groove war auch viel an jazzigen Tönen zu hören. Das ging auf das Konto des ausgezeichneten Saxophonisten Maxim Begun ( s. MySpace). Er begleitete jeden der drei Vokalisten mit größter Virtuosität und klanglicher Wucht, und musste sich zudem neben den zwei dominanten E-Gitarren, sowie Thomas Hufschmidt mit seinem Keyboard   behaupten. Mitten in Maxim’s  groovendes Saxophonsolo  integrierte sich Volkan mit jazzigem Scatgesang –oder man könnte auch sagen, es war „souliger Scat“.

Hier konnte man beobachten, dass Volkan Baydar zumindest in der Liverperformance kaum ein Korsett der musikalischen Konventionen für sich in Anspruch nimmt. Sein musikalischer Freiheitsdrang ist überwältigend. Dieses Duett von knalligen Saxophonklängen  und den  wildbegeistert hervorgestoßenen Vokalismen Volkan’s ergab eine perfekte und geradezu  orgiastische Verschmelzung.

Als Volkan den großartigen Song “Everthing Must Change“ intonierte,  und sich damit in Vergleich zu George Benson, Sarah Vaughan, Oleta Adams, Randy Crawford und sogar Barbra Streisand  setzte, war ich sehr überrascht. Es war hörbar zu erkennen, dass Volkan  Stimmung und Charakter dieses Songs klar erfasst hatte, und dass er dabei ganz er selbst blieb.  

Für sein Soloalbum, welches er mit eigenen  Worten kurz so beschreibt:  „Mit Jazz hatte ich als Idee angefangen.. nun ist es mehr Motown soul geworden“  kann ich Volkan nur viel Glück und riesigen Erfolg wünschen. Für mich ist er Deutschlands erster wirklicher Soulsänger,- oder der Soulsänger Nr.1 aus deutschen Lande - wie man will.


Werner Matrisch,  Köln, 26. August 2009