Till Brönner „RIO“ (September 2009)

Professionell - aber leider weichgespült…

Alle Türen stehen Till Brönner, Deutschlands prominentestem Jazzmusiker, offen, wenn er ein Projekt angeht. Hildegard Knef, Chris Botti, Curtis Stigers, Don Grusin, The New York Voices, Madeleine Peyroux, – er bekommt sie alle mit Leichtigkeit. Andererseits musste Helen Schneider ihn sicher nicht lange nach (verkaufsfördernden) Gastauftritten auf ihrer neuesten CD fragen. Selbst gesanglich eher schwächlich-funkelnde Interpreten wie Yvonne Catterfeld oder Carla Bruni, integrierte Brönner unkompliziert in seinen Jazz oder in seine jazzinspirierte Weihnachts-CD. (C. Bruni würde ich übrigens nicht in ein Tonstudio lassen…)
So ist man nicht überrascht, sieht man sich die Liste der renommierten Künstler an, die bei seinem neuesten CD Projekt „RIO“ mitmachen.

Der Bossa Nova, diese oft betörende Mischung aus Cool-Jazz und Samba, wurde gerade fünfzig Jahre alt, und zahlreiche Wiederveröffentlichungen rücken diese Musik
in den Vordergrund. Richtig „weg“ war der Bossa Nova aber niemals: Große brasilianische Komponisten, allen voran Antonio Carlos Jobim, haben mit vielen Songs unvergessliche Standards geschaffen. Weltklassemusiker -und Sänger haben sie in der Vergangenheit und in der Jetztzeit immer wieder interpretiert. „The Girl from Ipanema“ soll z. B. nach „Yesterday“ ( Beatles) der am häufigsten interpretierte Song sein.

Als erstes Stück auf Brönner“™s „RIO“ hören wir „Misterios“, ein Duett mit Annie Lennox und der legendären Brasil-Ikone Milton Nascimento. Lennox Stimme ist kräftig, klar und intensiv, gleichzeitig aber auch sehr hart. Irgend etwas scheint sie mit ihrer Intonation der hohen, gezogenen Töne falsch zu machen, denn sie klingt unangenehm sirenenartig. Milton Nascimentos Stimme ist genau richtig,einfühlsam und unverkennbar magisch. Der Titel ist schön arrangiert, besonders den echohaften Klang rufender Stimmen im Hintergrund empfindet man wie einen leisen Wind.

„O Que Sera“, gesungen von Vanessa da Mata klingt mit den ersten Noten sehr ansprechend und „100% nach Bossa Nova“, nervt jedoch später in unglaublicher Weise. Die Komposition hat kaum Höhen und Tiefen und klingt durch den immer gleichen Rhythmus wie ein permanentes “ tra-la-la und tam““tam-tam“, vergleichbar einem kindischen Abzählreim. Dazu kommt die blutarme, ausdruckslose Stimme von Vanessa da Mata, die zwar gekonnt die schnellen Synkopen dieses Bossa Novas technisch beherrscht, aber vollkommen unbeteiligt wirkt. (…das muss so,… bei Bossa Nova !!- hm ??) Es dudelt endlos dahin…und ist mit über fünf Minuten schwer zu ertragen. Für mich mit Abstand die schwächste Nummer des ganzen Albums.

Till Brönner hat sich mit „So Danco Samba“ zunächst klugerweise einen der berühmtesten Bossa-Nova-Klassiker ausgesucht, bei dem die Stimme nicht unbedingt Höchstleistungen vollbringen muss… (Ella Fitzgerald hat zwar in unzähligen Liveversionen diesen Titel zu einem vokalen Feuerwerk gemacht, aber das war dann doch eher dem Jazz zugewandt, als dem typischen Bossa Nova). Brönner hat ohne Frage begriffen, wie der Song zu singen ist (weich, dunkel, und schnell), so wie er auch insgesamt auf diesem Album etwas lehrbuchartig das Idiom des Bossa Nova vorstellt.

Als Sänger allerdings hat die Welt nicht auf ihn gewartet. Oder drücken wir es mal so aus: Nur mit seinem Gesang allein, hätte er niemals einen Plattenvertrag bekommen. So gut und sicher wie er als Trompeter ist, dem Sänger Brönner gehorcht die Stimme nur sehr eingeschränkt oder passabel. Bei „So Danco Samba“ ist seine Interpretation noch adäquat. Aber schon beim sehr rhythmischen „Cafe Com Pao“ zeigt sich seine gesangliche Unzulänglichkeit, wenn sein Singen vorwiegend zum tiefgehauchten Gebrummel wird.

Mit „Bonita“ nimmt sich Brönner eine der schönsten Bossa-Nova Balladen vor. Diese traumhafte Melodie betört schon durch sich selbst, auch wenn ein weniger guter Sänger sie singt. Der Song ist einfach zu gut. Aber von Note zu Note merkt man, was dem Sänger Brönner fehlt. Da ist keine Sinnlichkeit, oder Variationsreichtum. Brönner haucht die Melodie ansprechend, aber kann die Schönheit dieser Melodie nicht wirklich ausloten. Wenn er für diese Nummer den Jazzsänger Peter Fessler verpflichtet hätte, die CD wäre um ein echtes Highlight bereichert.

Obwohl mit dem „Sound“ des Bossa Nova hauptsächlich rhythmisch entspannte, an sacht-wiegende Meereswellen erinnernde Melodien verbunden werden, erschließt sich für mich die musikalische Tiefe des Bossa Nova am ehesten in den großen Balladen wie „Bonita“, „Dindi“, oder „Once I loved“. Sie haben diese Sehnsucht oder „Tristeza“, vergleichbar mit dem portogiesischem „Fado“. Jedoch ohne dessen große Leidenschaft und Pathos, denn der Bossa Nova ist eine sehr “ weiche“ Musik.

Der Bossa Nova hat sich selten durch starke Stimmen oder großes Temperament ausgezeichnet, setzt man mal Jazz „“oder Soulgesang dagegen. Ob aber deswegen die Ballade „Once I Loved“ von Aimee Man so einschläfernd gesungen werden muss, ist hier die Frage. Auch wenn Astrud Gilberto seinerzeit mit ihrem hübschen, aber emotionslosen Gesang Maßstäbe gesetzt hat, ist es doch kein „Gesetz“ dass nur in dieser Art gesungen werden muss. Man erinnere sich an die große brasilianische Sängerin Elis Regina, die solche Balladen zu vokalen Ereignissen machte. „Once I loved“ ist sehr blass interpretiert, das melancholische Liebeslied wurde schon viel besser gehört. Auf Brönner“™s „RIO“ klingen außer Annie Lennox eigentlich alle weiblichen Stimmen sehr ähnlich. Dünn, relativ hoch und energielos.

„Evening“ bietet als Duett von Milton Nascimento und Luciana Souza da etwas Abwechslung, schon allein durch Nascimentos prägnante Stimme. „High Night“ ist melodisch eine sehr schöne Komposition, und wird auch hübsch filigran und natürlich „leise“ ( wie es sich für dieses Album gebührt!) von Melody Gardot vorgetragen.
Brönner“™s Trompete integriert sich weich und zurückhaltend….

Sergia Mendes bietet mit gekonnt schwebend-warmer Stimme „Ela E Carioca“ einen Bossa Nova in Reinkultur.
Brönner“™s Trompete integriert sich weich und zurückhaltend…..

Das Stück „Ligia““ ist instrumental.
Brönners Spiel ist Bossa Nova adäquat, weich und zurückhaltend……
Das ebenfalls instrumentale „ARA“ ist wieder rhythmischer. Brönners Trompetenspiel vermischt sich klanglich interessant mit Hintergrundstimmen. Sein Spiel bleibt auch hier weich und und unagressiv. Gegen Ende des Songs wird das Thema allerdings endlos wiederholt, so dass man nicht traurig ist, wenn dann Schluss ist.

Von Kurt Elling, diesem großartigen, oft überdynamischen Sänger hatte ich mir einen vokalistischen Höhepunkt versprochen. Ein solcher würde dann aber wahrscheinlich aus der samtig-weichstimmigen Grundfarbe von „RIO“ unangemessen herausragen. Natürlich ist Elling stimmlich so versiert, seinen Beitrag ( „Sim Ou Nao“) dem Album zart und subtil anzupassen. So ist dieser Titel, bedingt durch die hohe Qualität von Kurt Elling einer der wenigen wirklich Guten des Albums.

„Aquelas Coisas Todas“ der letzte und eindrucksvollste Song von „Rio“ kommt sehr spät, um einen aufhorchen zu lassen. Hier stimmt plötzlich alles. Der Titel ist musikalisch interessant, vielschichtig und farbig. Luciana Souza glänzt hier endlich mal als einziger weiblicher Gesangspart auf „RIO“ mit Virtuosität, Impulsivität und frischer Vokaltechnik. Till Brönners Meisterschaft als Trompeter, die gerühmte perfekte Intonation, die geschmeidige Phrasierung und der warme Klang, kommen in diesem Stück am deutlichsten zum Ausdruck! Schade, dass es von solchen Stücken nicht mehr auf „Rio“ gibt. „Aquelas Coisas Todas“ ist ein leuchtender Farbtupfer in der für mich überwiegend grau-blau-tristen, dahinplätschernden Musiklandschaft von „Rio“.

Es geht nicht darum, dass Brönner mit „Rio“ dem Bossa Nova grundsätzlich nichts „Neues“ beisteuert, das sollte nicht erwartet werden, und war wohl auch nicht Brönners Absicht. Bei aller Professionalität der Künstler: Akzentuierterer Gesang, mehr Frische, und musikalische Abwechselung, und auch mehr Hingabe / Dynamik in Brönners ( sparsam eingesetztem Spiel), hätte dem Album gut getan. Ich bin mir aber ziemlich sicher, das die Songs in ihrer Livepräsentation, und den sich ergebenden Improvisationen wesentlich besser sind.

 Werner Matrisch, Köln 21. Oktober 2008