Roger Cicero & Lutz Krajenski

Musikalische Höhenflüge im Weltklasseformat

Roger Cicero , vocal + Lutz Krajenski, piano  live im Theater am Tanzbrunnen,  Köln,  17. Oktober  2010.

Bevor ich auf dieses außergewöhnliche Konzert von Roger Cicero und Lutz Krajenski näher eingehe, möchte ich doch auf Folgendes hinweisen: In meinen inzwischen über zwanzig ausführlichen Konzert- und CD-Besprechungen zur Musik von Roger Cicero habe ich wahrscheinlich erschöpfend beschrieben, was sein Talent, seine Musikalität, und seine Stimme ausmacht. Insofern wird es fast unmöglich, sich nicht zu wiederholen.

Tatsächlich aber hatte seine gerade abgeschlossene Clubtournee „Roger Cicero Solo“  bewunderungswürdige Überraschungen parat, die besonderer Erwähnung bedürfen. Zunächst einmal muss ich betonen: Wo „Jazz + Soul Pur“ draufstand, war dieses auch „drin“ –  und das nicht zu knapp! Diese Ankündigung war also alles andere als eine versprechende „Mogelpackung“  in der dann doch wieder überwiegend Zugeständnisse ans „Zieh-die-Schuh-aus-Publikum“ gemacht wurde.

Cicero bestreitet sein faszinierend vielseitiges Programm über  zwei Stunden lang allein mit seinem Pianisten, Organisten und Arrangeur Lutz Krajenski. Beide Künstler verbindet eine über zehnjährige musikalische Verbundenheit, und ein kurzer Blick aus dem Augenwinkel  genügt ihnen zur Verständigung. Eigentlich müsste man bei diesem Konzert sogar von einem Konzert-Duett sprechen, denn Krajenski ist während des gesamten Konzerts  an Ciceros  Seite präsent. Dieser gab ihm viel Gelegenheit in seinen Soli sowohl am Piano wie auch an der Hammondorgel zu brillieren und das Publikum in immer neue Begeisterungsstürme zu versetzen. Roger Cicero selbst genoss ebenso Krajenski’s pianistische Kostbarkeiten und offenbarte mit strahlender Miene mindesten die gleiche Begeisterung wie das Publikum.

LET’S STAY TOGETHER
Das Repertoire war äußerst geschickt ausgewählt. Im gut überlegten Wechsel von Funk,  Blues, Jazzstandards, Pop Soul -und  Jazzballaden, und sogar einem fulminanten Brückenschlag zum  Gospel als letzter Titel vor den Zugaben „“ konnte auch nicht die kleinste Spur von Eintönigkeit aufkommen.  Cicero scheute nicht zurück, hochkarätige, weltberühmte Songs wie Marvin Gaye’s „What’s Going On“ oder Al Green’s „Let’s Stay Together“ nur mit Pianobegleitung zu interpretieren. Songs, die jeder Soulfan bestens kennt und zwar mit harten Drums und überhaupt praller, funkiger Begleitung.

Besonders „Let’s Stay Together“  gelingt Cicero fantastisch. Man darf nicht vergessen, dass dieser Titel 1984 Tina Turner eines der großartigsten Comebacks der Popgeschichte bescherte - in einer  grandiosen Version, die die restlichen achtziger Jahre durch alle Diskotheken  zog. Ich habe bei der Cicero-Version nichts an riesigem Background vermisst.
Roger Cicero hat die Begabung sich einen Song derart eigenständig und intensiv anzueignen, die Steigerung oder das Beste  in der Musik zu erkennen und immer noch weiter zu dynamisieren, so dass man den Song ganz neu hört und ihn begeistert in so einer - fast „unplugged-Version“  annimmt.  Dieses schon charismatische Talent zeichnet übrigens viele seiner älteren Cover aus - angefangen bei Klaus Lage’s „Tausendmal Berührt“ über „Grönemeyer’s „Männer“ bis zu  „Geboren“von den Fantastischen Vier.


Im ganzen Konzert gab es nur einen Song, bei dem ich  zumindest Maze Meusel’s Schlagzeug etwas vermisst habe: Cicero’s Prince-Cover-Hit “ How Come U Don’t Call Me Anymore“- schon in vielen Konzerten – zuletzt im Baden-Badener “ Mr. M’s Jazzclub“  vorgetragen, war immer ein überwältigendes Highlight seiner Konzerte. Jetzt nur mit Piano gehört, dachte ich, dass zum Drive des Song doch wenigstens die begleitende „Durchschlagskraft“  des Drummers gehört .

Dieses Konzert hat außerdem etwas eklatant bewiesen: Kunst, Güte, Professionalität und Kreativität eines Künstlers  entfalten sich am ehesten,  wenn das zu interpretierende  Repertoire von hohem Niveau ist und Anforderungen an den Künstler stellt.  Das war bei „Cicero Solo“ absolut der Fall. Unterschiedliches Songmaterial wie u.a. von Prince, James Taylor, Al Green, Stevie Wonder Eddie Jefferson, Strayhorn/Ellington, Dave Brubeck sowie der Sportfreunde Stiller, Rio Reiser und auch Cicero/Krajenski Stücke verlangen musikalische Versiertheit, großes Vorstellungsvermögen und Sinn für all diese Stilrichtungen.


Wenn nach dem mit aufregenden Scatvocalismen versehenen Jazzstandard „No Moon At All“  pötzlich „Ein Kompliment“  von den Sportfreunden Stiller folgt, oder Cicero nach  Soulfetzer „Let’s Stay Together“ mit samtig-weicher Stimme „Every Little Thing She Does Is Magic“ von Police singt, denkt man, da steht plötzlich ein anderer Sänger auf der Bühne. Er singt den Policesong mit dunkler, geradezu magisch schön klingender Stimme. Die Diskrepanz von seinen kraftvollen, stählernden Höhen zu diesen tiefen, weichen, samtig-sonoren  Tönen ist ein regelrechter Überraschungseffekt.

Diesen Stil könnte er demnächst noch etwas entschiedener verfolgen. So hätte ich mir auch noch die eine oder andere ganz „sanfte“ Jazzballade ( z. B. Misty, Tenderly, The Wedding  oder One For My Baby) gewünscht. Da eröffnen sich noch große künstlerische Möglichkeiten für Cicero - so singen zu können ohne „weichgespült“ zu klingen ist auch eine seiner  Stärken. Von José James, einem der talentiertesten neueren jungen Jazzsänger und dem Pianisten Jef Neve erschien unlängst ein wunderschönes, von Kritikern hochgelobtes  Jazzballadenalbum, (For All We Know 2010) Eine solche Aufnahme könnte ich  mir ebenso gut von Könnerteam Cicero / Krajenski vorstellen.

Als Roger eingangs von seinem vielschichtigen Programm spricht, zeigt sich, wie sehr ein Künstler mit seiner Moderation aufpassen muss. Cicero erlaubte sich eine Unvorsichtigkeit und sprach gutgelaunt und  locker: „Ich singe hier heute Abend sozusagen einen bunten Gemischtwarenladen zusammen“ . Eine Kritik des Kölner Stadtanzeigers machte daraus gleich die Überschrift zu einer erschreckend oberflächlichen Besprechung:  „Gemischtwarenladen  mit Roger Cicero“ hieß es da, und das klingt so aus dem Kontext gelöst schon negativ  und eher nach einem sehr beliebigen, nicht wirklich interessantem Konzert. In dieser Art arbeiten Medien gerne, wenn es gilt die Wertschätzung des zu besprechenden Künstlers herabzusetzen.

BLUE RONDO A LA TURK
Wie interessant, unterhaltend und spannend  das Konzert aber letztendlich war, werden die meisten der ca. 600 – 700 Besucher im Theater des Kölner Tanzbrunnen zu bestätigen wissen. Ein künstlerischer Höhepunkt ereignete sich, als Cicero in einer erstmalig live dargebotenen Version das  ca. siebenminütige „Blue Rondo A La Turk“ intonierte.  Diese im 9/8 Takt von Dave Brubeck geschriebene  Bearbeitung geht auf das Mozart’sche „Rondo A La Turk“ zurück. Al Jarreau brachte auf dem Album „Breaking Away“ (1981) eine ziemlich geniale Version des Stücks, welches eigentlich als fast “ unsingbar“ gilt. Eine Studioaufnahme, mit  drums, bass, Synthesizer & acoustic piano. Cicero sang das Stück jetzt jedoch  live und nur mit Pianobegleitung. Bei der Ankündigung des Stücks  wedelte er die meterlange Partitur von der Bühne herunter.

Cicero behandelt hier seine Stimme wie ein Instrument und erbringt noch einmal den längst unnötigen Beweis nach den sophisticated vorgetragenen  Songs „Moodys Mood for Love“ und „No Mood At All“, dass er tatsächlich ein excellenter und sublimer Jazzsänger ist. Der unerhörte Schwierigkeitsgrad von „Blue Rondo A La Turk“ liegt nicht nur in der wahnsinnigen Schnelligkeit, dieser irrsinnigen Rhythmik welche perfekte Atemtechnik verlangt, sondern auch in der sprunghaften Melodieführung und dem riesigen großem Tonumfang, der den Einsatz seiner Kopfstimme  nötig macht und ihn auch in der Tiefe an seine Grenzen stößt. Der Song fließt von den stakkatoartig hervor gestoßenen Lyrics  in furiosen, impovisationsfreudigen  Scatgesang über - mittlerweile Cicero’s Königsdiziplin im Vokaljazz. So bleibt dieses Musikstück immer dem Jazz verbunden und ist trotz all der Bewältigung der technischen Kompliziertheit keine Zirkusnummer.

Mit dieser Vorstellung  hat Cicero eine andere musikalische Dimension in Richtung „Kunst“  betreten. Dann darf sich der Meister ein wenig ausruhen, denn Krajenski hat ein langes,  inspiratives und ruhiges Solo, in dem auch er in wunderbaren Improvisationen dem Titel nochmal Glanzlichter aufsetzt.

Beim seinem großen Solo in „Everybody Got The Blues“  ist dann allerdings nichts mehr ruhig! Lutz fackelt an der Hammondorgel ein Feuerwerk an gleißenden Orgeltönen ab,  die ihn bildlich gesehen mit samt dem großen Instrument gegen die  Konzerthallendecke fliegen lassen. Auch Cicero überzeugt mit dieser heftigen Bluesnummer, die vor Energie überschäumt und gewaltigen Applaus einheimst.

Beim drei Titeln greift Cicero selbst zur Gitarre, und schafft beim  Princesong „Forever in Life“,  und später in der Zugabe mit Stevie Wonders „Have Talk with God“  einen anderen Sound von toller, rhythmischer Qualität. „Fachmann in Sachen Anna“  ist dann zunächst ernst und   melancholisch, aber auch hier blitzen im zweiten Teil des Liedes ganz zornig-expressive Töne hervor, die diesen Song  dann wie einen Blues klingen lassen.

Gleich danach setzt sich Roger ans Klavier, während Lutz zur Hammondorgel wechselt.  Die Hommage an seinen Vater  „Ich Hätt‘ So Gern Noch Tschüß Gesagt“ gibt mir abermals die Überzeugung, dass dieser Song  sicher eine der besten Kompositionen von Cicero ist. Mal abgesehen vom sensiblen Text - die Melodie beinhaltet so viel interessante Wendungen, unerwartete Sprünge von den leisesten bis zu lauten, expressiven Noten die auch sängerisch große Sicherheit in der Intonation verlangen - dass  der  hohe musikalische Wert dieses Songs absolut  eindeutig ist. Mal Ballade, dann wieder Blues. Cicero beherrscht das wechselvolle Spiel von Fragilität bis zum Aufschrei. Sicher wäre es interessant , den Song auch in englischer Sprache zu hören, um so noch besser seine Bluesqualität testen zu können.  Nach dem Konzert bestätigten mir auch einige Besucher und Fans, dass diese Vorstellung “ Ganzkörpergänsehaut“ auslöste.  Die Nummer wirkte vielleicht noch stärker als früher in verlängerter Version und mit einem gefühlvollen  Solo von Lutz Krajenski.

Ganz anders als in der Kölner Lanxess-Arena war natürlich die Stimmung in dieser kleineren Lokation. Es herrschte absolute Stille und große Konzentration seitens der Besucher bei allen Titeln. So konnte sich jeder Song in seiner Performance richtig entfalten und  seine Wirkung erzielen „“ so wie es eigentlich immer sein sollte.  Nach der Hommage an  Cicero’s berühmten Vater dem Jazzpianisten Eugen Cicero, wird es wieder jazzig mit den weltberühmten „Take The A-Train“ . Lässig und schwungvoll singt Cicero den großartigen Jazzklassiker  in der Version  nach Eddie Jefferson, (1918 - 1979) der leider auch heute noch hauptsächlich nur bei Jazz-Insidern bekannt und geschätzt ist.

Als letzten Song kündigt Roger einen Gospel an, geschrieben und getextet von Tommy Sims. „Everyday“ hat er  bereits auf der CD der Jazz-und Soulformation  Soulounge „Home“ ( 2004) gesungen. Aber wie hat sich Cicero seitdem weiterentwickelt ! Von Leidenschaft getrieben, stimmgewaltig und  souverän lässt er den Song schon fast hymnisch erglühen. Jetzt beim letzten Song drängt es die Menschen  nach vorne an die Bühne, und Cicero fordert auch die Zögerlichen auf, nach vorne zu kommen. Nach dieser hochdynamischen Nummer wird er erst nach zwei Zugaben entlassen. Erst ein Song von Stevie Wonder und danach schafft Roger noch einmal unter dem Publikum das Gefühl von tiefer Verbundenheit mit seiner Rio-Reiser-Version „König von Deutschland“  Einmal darf hier mitgesungen werden - und das kann nach diesem Konzert auch nicht der strengste Musikpurist verübeln!

Dieses Konzert mit seinen vielen musikalischen Höhenflügen im Weltklasseformat hat die Früchte einer wunderbaren Künstler-Liäson präsentiert.  Authentizität, Talent und die Freude an der Musik setzten sich hier in höchstbefriedigender Weise durch.

Die Songs:

Never Take The Place – Prince
No Moon At All –  Redd Evans
Das Kompliment - Sportfreunde Stiller
What's going on – MarvinGaye
Moody’s mood for love –  Eddie Jefferson
Spontis zeugen Bänker – Krajenski
Für'nen Kerl – Cicero
Forever in my Life – Prince
Blue Rondo a al turk – Dave Brubeck
Let's Stay Together – Al Green
Every Little Thing She Does – Police/Sting
How Come You Don't Call Me Anymore -  Prince
Schöner war’s ohne - Komposition von Krajenski?
Ich hätt so gern noch Tschüß gesagt - Cicero
Everybody got the blues - James Taylor
Fachmann in Sachen Anna - Matthias Hass/ Maren Stiebert
Take the A-Train – Strayhorn/Ellington
Everyday -  Tommy Sims

ZUGABEN:
Have A Talk With God  – Stevie Wonder
König von Deutschland – Rio Reiser

 

Werner Matrisch, 2010

 

NACHTRAG
Der Jazzkritiker Ralf Dombrowski ***
schrieb am 26.Oktober in der Süddeutschen Zeitung  über das Konzert:“¨“Großes Kino   Roger Cicero im kleinen Ampere“
(Auszug)“¨“Aus dem Mauerblümchen und der Kunstfigur ist ein Entertainer von Format geworden, der seinen Stil in der Reduktion auf das Wesentliche findet, das er in permanenter Kommunikation mit der pfiffigen und emphatisch groovenden Begleitung von Lutz Krajenski entwickelt. Das ist großes Kino im kleinen Rahmen, künstlerisch und musikalisch mitreißend und zugleich authentisch genug, um bei aller Professionalität den Menschen auf der Bühne nicht zu vergessen. Eugen wäre stolz auf seinen Roger gewesen““¨Ralf Dombrowski

*** www.3sat.de/page/

 

Roger Cicero live in Mr. M's JAZZCLUB

Roger's mood for Jazz.....Baden Baden 9. September 2010

Vor knapp 3 Jahren (Dezember  2007) konnte ich Roger Cicero nach einigen Konzerten mit seinen deutschsprachigen Swingtiteln und seiner wunderbaren Big Band zum ersten Male auch live als reinen Jazzsänger – begleitet von nur vier Musikern -  erleben. Meine erste CD von Cicero  (After Hours - There I Go, 1995) hatte mich total überrascht und enthielt  eben genau diese Songs, die ich dann  später in einem faszinierendem  Konzert mit den gleichen Musikern  in Hannover  erleben sollte. „There I Go“, dieses glänzende, an einem einzigen Tag eingespielt Jazzalbum,  brachte den Stein des „Überzeugten-Fan-Seins“ dieser Formation und vor allem dieses Sängers ins rollen.....

Sofort schrieb ich geradezu euphorisiert eine User-Rezension bei Amazon über Cicero: „Deutschland hatte zu keiner Zeit einen besseren Sänger“. Heute würde ich das etwas eingrenzen,  den Begriff: „Bester“ streichen und statt dessen sagen: Deutschland hatte zu keiner Zeit einen „musikalischeren“ Sänger als Cicero. Bei dieser „strikt subjektiven“ Meinung bleibe ich auch 2010, eingedenk der Vielseitigkeit von Cicero. Er besitzt inzwischen eine künstlerische Vielseitigkeit die nicht nur wegen seiner eigenen, stilistisch breitgefächerten  Titel – sondern auch wegen seiner absolut souveränen Jazzaufnahmen und besonders seiner bestechend eigenständigen Coverversionen von Prince, Grönemeyer, Den Fantastischen Vier oder Klaus Lage unwiderlegbar ist.

Mit textcleveren, deutschsprachigem Swing, Pop, Blues oder Balladen hat er seit der CD „Männersachen“ (2006)  anhaltenden Erfolg. Er tritt in großen Konzerthallen auf und seine „reinen“ Jazzkonzerte sind etwas rar geworden. Als ich die Ankündigung seines Konzerts im Baden Badener Mr. M's JAZZCLUB sah, setzte ich spontan alles daran, diesem Konzert beizuwohnen.  

Der Bénazet-Saal des Baden Badener Kurhauses besitzt natürlich ein exklusiveres Ambiente als der Ballhof-Jazzclub in Hannover. Weniger intim, dafür elegant-gediegen, mit gedeckten Tischen und stimmungsvollem Kerzenlicht. Gleich vorweg bekenne ich auch, dass ich das Hannoveraner Konzert insgesamt hautnaher und intensiver erlebt habe, was aber weniger mit der Qualität der musizierenden Künstler zu tun hat. Denn die war von gleicher Güte. Pluspunkte bekommt das Ballhof-Konzert von mir selbstverständlich jedoch wegen des Mitwirkens  von Saxophonist Stephan Abel, der mit seinem Spiel besonders die expressiven Momente des Konzerts mitbestimmte oder förderte. Stephan Abel war leider in Baden Baden nicht dabei. Andererseits war aber auch die sparsamere Begleitung in Baden Baden reizvoll – zudem es  lange instrumentale Parts  oder Soli in jedem Song gab.

Um Punkt 20 Uhr eröffnete  Marc  Marshall, Gründer des  Mr. M's JAZZCLUB's   und Veranstalter dieses Baden Badener  Jazzwochenendes das Konzert. In einer kurzen Rede stellte er Roger Cicero als Jazzsänger von Weltklassenformat vor. Pianist & Arrangeur Lutz Krajenski, Drummer Matthias „Maze“ Meusel und Bassist Hervé Jeanne - alle seine musikalischen Mitstreiter seit Jahren - kamen auf die Bühne.  Dann Roger Cicero. Er erzählte, dass ihm und seinen Musikern diese kleine Pause von den augenblicklichen Sat 1- Aufzeichnungen der „ Hitgiganten“  (die er 6 x moderiert und mit Liveautritten bestückt), ganz gut gefallen würde.  

Cicero erklärte, dass es in diesem Konzert nur um Jazz ginge und fragte dann, ob jemand „Zieh die Schuh aus“ hören wolle.. Aus dem Publikum ertönte ein „ ja“. Laute Lacher im Saal. Ich rief laut „ nein“. Roger wies dann auf die rechts und links von der Bühne angebrachten Logos „Mr. M's JAZZCLUB“ und betonte nochmals, sie wären hier um wirklich NUR JAZZ zu spielen,und wer wolle, könne jetzt noch ins Kino gehen!Cool  war das!  

Das Konzert begann mit dem ebenso schönen wie maßvoll swingenden   Standard  „No Moon At All“. Auch wenn im weiteren Verlauf des Konzerts im wesentlichen fast alle, mir gut bekannten Titel des Albums „There I Go“ gespielt wurden, so war schon erstaunlich, wie Cicero unablässig  und dabei auf natürlichste Weise – ohne Manierismen -  jeden Song anders als vorher gehört - variierte, improvisierte und ihn so in neuem Licht und Sound erklingen lies. Abgesehen davon, dass Cicero's rein technisches Können als (Jazz) - Sänger formidabel ist, sind auch seine  interpretatorischen Feinheiten zu den Inhalten der Songs überzeugend.  Als gutes Beispiel dafür würde ich seine Version des Nancy Wilson Klassikers „Save Your Love For Me“ anführen, die er ungeheuer differenziert  vortrug. In diesem Stück - sicher eines der Highlights des Abends -  vereinigte sich beeindruckend die klangliche Vielfarbigkeit seiner Stimme mit  Dynamik, Spannung und Emotion zu einer wunderbaren, berührenden  Vorstellung.

Der rhythmisch schnelle Song „Bluesette“ wurde in Baden Baden in einer noch stärker beschleunigten und mitreißenden  Version gebracht. Maze Meusel führte mit  seinem Solo dieses Tempo zunächst weiter, um dann später kreativ sein Spiel abzuwandeln.

Unzweifelhaft ein anderes Glanzstück des Abends war „ My Favorite Things“. Diese ursprünglich eher liebliche Musicalkomposition aus „The Sound Of Music“ haben sich  schon seit den 60er Jahren viele Jazzkünstler  vorgenommen. Im Arrangement von „After Hours“  glänzt der Song schräg und modernistisch. Hier nutzt Roger Cicero wirklich alle Möglichkeiten,  total frei und mit ausgedehntem Scatgesang zu brillieren. Was er hier mit seiner Stimme macht, wie variationsreich er sich rauschhaft  durch die Tonleitern windet, das ist Weltklasse und  zeugt außerdem von seiner  Freude und der totalen Hingabe des Singens. Da es ihm selber so große Freude macht, gelingt es  ihm so gut und überzeugt und erfreut auch die Zuhörenden im hohen Maße.

Eine interessante Besonderheit hatte „My Favorite Things“ außerdem: Das lange Solo von Lutz Krajenski.  Hier zeigte sich der sonst gerne kraftvoll und vital in die Tasten greifende Pianist von einer mir noch unbekannten Seite. In zarter, leicht meditativer Versunkenheit erklang sein Klavierspiel. Sensibel, klar  und auch phantasievoll verspielt, entstand  eine poetisch-pastorale Atmosphäre. Dieser von Lutz Krajenski geschaffene Musikteil - gleichsam einem Kleinod - hatte seine eigene Qualität und wirkte wie ein „Extra-Konzert“ im Konzert.  

Des öfteren machte Krajenski in seiner Begleitung an diesem Abend übrigens  leichte, spontane  Schlenker in klassisch anmutende Gefilde, die große Heiterkeit bei Cicero auslösten. Überhaupt versprühte das kleine Ensemble gute Laune und viel Freude am Spiel.  Auch hinter der meistens eher ernsten  oder  konzentrierten Miene des Bassisten Hervé Jeanne, der mit faszinierender Sicherheit sein Instrument beherrscht - es wie ein geliebtes Kind behandelt - war an diesem Abend eine schöne  Entspanntheit  bei seinem Solo zu spüren. Ich empfinde eine große Übereinstimmung unter den vier Künstlern -allerdings weiß Roger Cicero  auch seine Musiker zu motivieren, indem er sich ihnen während ihrer Soli direkt zuwendet, mit den Fingern schnippt und mit seinen Körper den Rhythmus  betont.  

Im weiteren Verlauf des Konzerts wurden auch der Beatles-Song „I Wanna Hold Your Hand“,  in Cicero's eigener Bearbeitung  und „Moody's Mood For Love“ gespielt.  Letzterer Song wurde vorher von Cicero ausführlich als Eddie JeffersonTitel erklärt und stellte in sofern eine kleine sängerische Herausforderung für Roger dar, weil der Song eigentlich ein Duett ist und er nun den männlichen UND den weiblichen Part singen musste. Hier kam seine bestens beherrschte Kopfstimme zum Einsatz. Eindrucksvoll war bei dem Song abermals eine lange Scatpassage, die Cicero aber  erstmal   völlig anders anging als bei „My Favorite Things“. Er intonierte lange Zeit in den tieferen Tonlagen – sein Scat klang jetzt sanfter und melodischer. Natürlich kam der Knalleffekt seiner Energieausbrüche  später um so heftiger.
                      
Nochmal ein Beweis von Cicero's Riesentalent für den Scatgesang, der immer wieder in furiosen Höchstleistungen gipfelt und eine atemberaubende Darstellung seiner Improvisationskunst ist. Da ich Cicero gut genug mit seinen deutschsprachigen CDs kenne,  bin ich immer wieder überrascht, wie ganz anders er als „Jazzvokalist“ klingt. Sicher sollte ich es nicht schreiben – und sicher sieht es Cicero selber ganz anders – aber wie sehr ich auch den deutsch-swingenden oder pop-soul-begabten Roger Cicero mag -  für mich persönlich erlebe ich den „Jazz-Cicero“ als den „wahren“ Cicero. Im Jazzgesang lebt er seine ganze musikalische Kreativität - im Jazz erstrahlt seine sängerische Ausdrucksscala zum virtuosem Feuerwerk. Diese Musik ist komplexer, anspruchsvoller, interessanter und künstlerischer als Mainstream. Aber alles zu seiner Zeit. Es ist gut, dass es so viele unterschiedliche Musikrichtungen gibt. Wenn Roger und seine Big Band schwungvoll „Die Liste“ erklingen lassen, reißt  es mich jedes Mal wieder mit.

Um 21:15  erklärte Roger, sie hätten jetzt schon etwas zu lange gespielt und der letzte Titel „Red Top“ käme nun. Die dynamisch-rhythmische Nummer wurde begeistert mitgeklatscht. Dann verneigte sich die Jazzcrew bei stürmischem Applaus. Es war keine Frage, dass sie um eine Zugabe nicht herum kamen. Ich hatte mich inzwischen von meinem Tisch 27 erhoben und mich seitlich neben die Bühne gestellt um die letzten Songs hautnäher zu erleben. .

Unter Jubel erschienen die Musiker erneut auf der Bühne und ließen fetzig einen langen  „A-Train“ abfahren.... Das war Jazz vom Feinsten. Wieder Riesenapplaus und der Ruf nach Zugabe. Roger winkte Marc Marshall zu sich heran und sagte, dass sie nun zusammen ein Duett singen würden. „Smile“ sollte es sein – und der Song wäre von Charlie Chaplin – ja, der hätte auch Songs geschrieben, was nicht Jeder wüsste. Aber als der Evergreen erklang, erkannten sicher Viele sofort die träumerisch-wehmütige Melodie. Marc und Roger machten eine schöne Vorstellung, wobei Roger sehr zurück genommen sang.

Kleiner Zufall am Rande: Ich trug an diesem Abend eine Krawatte – was selten geschieht -
Auf der Krawatte waren kleine Bilder von Charlie Chaplin eingewebt. Nachdem ich Chaplins große Autobiographie gelesen hatte, wurde ich zum Chaplin-Verehrer und hatte dann später diese Chaplin-Krawatte bei Ebay ersteigert.

Als die Musiker sich verneigten und dann die Bühne verließen, glaubte ich nicht daran, dass sie  noch  einmal kommen würden. Aber der Beifall war derart laut, riesig und anhaltend – sie mussten sich einfach noch einmal zeigen.

Tatsächlich kamen sie wieder auf die Bühne zurück, und dann brachten sie als wirklich letzte und dritte Zugabe Cicero's  fulminante  Coverversion vom Prince-Song: „ How Come U Don't Call Me Anymore“. Hier konnte sich Roger in allen Tonarten als dynamischer Soulsänger präsentieren. Die Nummer ist schon lange seine Königs-Disziplin und der Knaller in Livekonzerten. Alle gesanglichen Register werden hier gezogen, von Kopfstimme zum Kreischen oder Quietschen, sirenenartige Klänge wechseln mit stahlharten, hochexplosiven lauten Tönen oder ganz leisen, extrem lang gehaltenen Noten. Der große Stimmumfang von Cicero ist allgegenwärtig.  

Normalerweise wird nach einem Song applaudiert, oder nach dem Solo eines Musikers innerhalb des Songs. Hier aber gab es kein Solo – Roger sang sich mit unglaublicher Intensität durch den Song, indem mir völlig neue, so noch nicht gehörte Melodienläufe auffielen. Im zweiten Teil des Songs   wurde seine Performance derart expressiv, dass heftiger Applaus, Pfiffe und Rufe  aus dem Publikum aufbrausten, bevor der Song überhaupt zu ende war.  

Dann war wirklich Schluss. Noch immer lautes Klatschen, welches dann langsam verebbte. Nach dieser Nummer war klar, dass jetzt nichts mehr kommen konnte.  Roger und sein drei Musiker waren auch schnell verschwunden. Während des Prince-Songs hatte ich ganz vorne vor den ersten Tischen auf dem Fußboden gesessen. Ich konnte nicht mehr zurück an meinen Tisch, aber auch nicht  vor den Menschen stehen bleiben und ihnen die Sicht nehmen. Ich hoffe, die Musiker fanden mich jetzt nicht total durchgeknallt.

Mir ist klar, dass diese Konzertbesprechung eine „Jubelhymne“ ist, die ich so  kaum in einer Zeitschrift veröffentlichen würde. Es fehlt doch jede Distanz -so würde kopfschüttelnd argumentiert. Dies ist zwar eine „ Fankritik“, aber ich denke, dass ich trotzdem kritisch hinhören kann. Ich begründe mein Lob und meine positiven Beurteilungen. Jeder kann gegenteilige Argumente dazu anbringen. Ich gebe zu, dass ich dem Jazzvokalisten Roger Cicero stundenlang zuhören könnte.

PS. Das 1995er Album  „Roger Cicero &  After Hours - There I Go“ steht  bei Amazon ( heutiger Stand)  auf Platz 80 unter Vocal Jazz. Das ist ein recht schöner Erfolg wenn man an die Riesenmenge von Neuerscheinungen auch im Vocal Jazz denkt und deren Bewerbung. Immerhin ist das Album schon fünf Jahre alt. Ich habe es bereits 4 x im Original verschenkt. Zwei Exemplare stehen noch eingeschweißt bei mir im Regal.

© Werner Matrisch,  Köln 13. September  2010