Kurt Elling live im Domicil (Dortmund)

Vocal Jazz in Vollendung

Kurt Elling live Konzert im Dortmunder Domicil vom 17. Mai 2012 mit Laurence Hobgood-Piano, Clark Sommers-Bass, Quincy Davis-Drums, John Mcelan-Guitar.

Es verwundert schon etwas, dass der Name „Kurt Elling“ außerhalb einer Gemeinde von Jazz- und eher eingeschworenen Vocal-Jazz-Interessierten wenig populär - ja fast unbekannt ist. Seit 1995 hat Elling neun CDs veröffentlicht – jede erhielt eine Grammy Nominierung, und „Dedicated to you“, von 2009 wurde schließlich mit diesem renomierten Preis ausgezeichnet.

Er gewann mehrere Jahre in Folge die „Down Beat Critics Poll“ und die „Jazz Journalists Association“ ernannte Kurt Elling über ein halbes Dutzend mal zum Sänger des Jahres. Etliche andere Ehrungen und Preise müssen hier nicht aufgelistet werden - Elling ist ein Weltstar des Jazzgesangs und unzweifelhaft einer der obersten Liga.

Ich sammle seit ca. zehn Jahren Elling CDs, hatte ihn jedoch bisher niemals live erlebt. Jetzt habe ich seinem Konzert im Dortmunder „Domicil“ beigewohnt – aber was kann man über einen Sänger, schreiben, dem ein solch glorreicher Ruhm vorauseilt? Zunächst einmal ist es eine interessante und positive Erfahrung, dass ich ab sofort all seine Alben mit anderen Ohren höre, als vorher. Wenn man Elling einmal live erlebt hat, öffnet sich in prägnanter Weise ein Fenster zu seiner hohen charismatischen Gesangskunst. Ich schätze Kurt Elling seit seiner ersten CD, aber dieses Liveerlebnis hat noch einmal einen Klick in meinem Kopf verursacht und lässt mich seine Musik – auch von CD gehört – viel besser erfassen, ausschöpfen, genießen.

Ellings äußere Erscheinung ist im Gegensatz zu Sängerkollegen wie z.B. Bobbie McFerrin, wenig spektakulär. Im Gegenteil – er könnte auch Bürokaufmann sein – das ungewöhlich große künstlerische Potenzial, welches Elling innewohnt, ist ihm nicht anzusehen, nicht mal anzuahnen.
Wenn er dann aber in einem unauffällig, beige-bräunlichen Anzug die Bühne betritt und mit „Steppin‘ Out“ kraftvoll loslegt, spürt man mit jeder Silbe seines Gesangs eine sich stetig ausbreitende Dynamik, eine Intensität von der man nach und nach regelrecht berauscht wird.

Während seine Musiker im fantastischen Instrumentalpart von „Steppin‘ Out“ das Publikum vollauf begeistern, beobachtet Elling aufmerksam die Musiker wie an sein Herz gewachsene Zöglinge „“ und sein Gesicht zeigt dabei größte Anspannung und Konzentration. Die löst sich erst , wenn er das Mikrophon ergreift und wieder singt. Mit Verve schwingt sich seine Stimme die Tonleitern rauf und runter, versieht „Steppin‘ Out“ mit melodiösesten Verzierungen und auf seinem Gesicht liegt ein Lächeln. Selig und entspannt! Ganz klar- dieser Sänger lebt seinen Song – total im Hier und Jetzt.

Ellings vier Oktaven umfassende Stimme ist sonor und warm in den Tiefen, in der höheren Mittellage leicht spröde oder aufgerauht. Sie ist beeindruckend voluminös, und hat, stärker eingesetzt, mitunter einen metallischem Klang. Direkte Schönheit oder „Schmelz“ im Klang „“ Gesangsattribute, die ein Mel Tormè (1925 „“ 1999) immer aufwies – sind für Kurt Ellings Gesang sicher keine Vorbedingung aber immer dann hörbar, wenn er seine kräftige Stimme dämpft und ein zartes Vibrato erkennen lässt, sowohl in den Tiefen wie bis zum Falsettgesang, den er oft einsetzt und souverän beherrscht. Schließt man die Augen, und zwingt sich des Sängers Optik weg, könnte man glauben, einen jüngeren Farbigen zu sehen, der mit Inbrunst seine Songs vorträgt. Ellings Stimme ist aber mehr durch seine individuelle Gesangs-Stilistik unverwechselbar, als durch den bloßen Klang.
Sanft und sehr leise beginnt er die Ballade „Dedicated to you“. Sein Singen wird bei getragenen Songs wie diesem besonders textinterpretiv und mit seinen extrem langgezogenen Noten, welche zudem in der Lautstärke spannungsvoll variieren, wird diese Vorstellung zu einem wirklich suggestiven Klangerlebnis.

Die Krönung der dramatischen Balladenkunst offenbarte Kurt Elling dann aber mit dem Earth-Wind & Fire-Hit „After the love has gone“. So zaghaft wie er auch den Song startet, bald bricht es aus ihm heraus- er wechselt unvermittelt Tonarten und Oktaven, sein Gesang wird zunehmend expressiv und entblößt ein Gefühlsbad in harten und dann wieder weichen Klangfarben. Durch seine Interpreation wird aktuell miterlebbar, wie sehr der Schmerz einer verloren Liebe „“ und dieses Bewußtsein darüber – ein psychotischer Zustand sein kann. Nicht nur seine Stimme mit allen emotional-vibrierenden Phrasierungen vermittelt dies dem Zuhörer, sondern auch seine Körpersprache.

Mit einer fantasischen R & B Version des Klassikers „On Broadway“, gewann 1979 bereits George Benson einen Grammy. In Kurt Ellings Konzert wurde dieser Titel durch Improvisationen und einem innovativ-wuchtigem Arrangement total umgewandelt. Progressive Klangmuster des vokalen Jazz – Ellings Stimmausbrüche, sein wildes Scatting und hart gesetzte Akzente – zersplittern und verformen die eingängige Komposition und machen den Song zu einer „Vocalese-Tour-de-force“

Bei „Skylark“, diesem wunderschönen Jazzstandard von 1941 erweist sich Elling als Meister aller leiseren Nuancierungen. Sanft und intensiv verbreitet er eine Atmosphäre von besonderer Intimität und Wärme. Meistens hält er in der rechten Hand das Mikro, während die Linke mit angeglichenen Bewegungen zur Musik innere Stimmungsbilder zum Ausdruck bringt. Das Ende eines solch ruhigen Songs zelebriert Kurt Elling gerne mit Hingabe – so – als könne er den Song nicht „loslassen“. Die letzten Noten werden gestreckt und gedehnt, dann mit wunderschönem Timbre leiser und leiser gesungen, bis der Klang seiner Stimme sich vollens auflöst, und einen Moment totaler Stille, gar Andacht hinterlässt. Und wieder begleitete seine Hand dieses Balladenende, in dem sie sich von seinem Körper wie ein langsam dahingleitender Vogel mehr und mehr entfernt.

Die Grenzen einer herkömmlich netten „Swingnummer“ wurden beim Sinatra-Signature-Song „Come fly with me“ erheblich strapaziert und absolut überschritten. Für mich war dieser ansonsten „höchstens“ elegant und moderat swingende Frankieboy-Hit die heißeste, total überbordende Nummer des Konzerts „“ konzeptionell ähnlich wie auch „On Broaday“. Elling schmeißt sich minutenlang mit unausgesetzter Vehemenz und Stimmgewalt in den Song – es hat mich so mitgenommen „“ ich verspürte Herzrasen und Gänsehaut gleichzeitig! Kaskadenartig, laut und orgiastisch prasselten seine Noten in den Raum. Ellings Gesang verlor sich in einer Art von vokaler Raserei „“ aber immer war auch seine Könnerschaft zu hören. Alles stimmte- kein Ton war falsch angesetzt. Einfach nur Vocal Jazz in höchster Potenz.

Beim Stevie Wonders „Golden Lady“ hielt sich Elling dann etwas mehr an das Original „“ aber auch diese Version zeigte, dass er jeden Song so facettenreich und prunkvoll gestaltet wie ein Feuerwerk.
(Mindestens!) Dem Song wurde ein besonders langer Instrumetalteil beigefügt: Gitarrist John Mcelan faszinierte mit einem seiner umwerfend furiosen Soli. Später schließt Elling sich seinem Gitarristen an und glänzt mit einem langen Scat-Intermezzo von atemberaubender Schnelligkeit. Von Basstiefen zu Falsettnoten „“ es geht alles so schnell und selbstverständlich, man bemerkt kaum, dass er schon ein ganze Weile nur noch mit Kopfstimme singt. Ellings technisch frappierender Scatgesang hat bereits neue Maßstäbe gesetzt.

Selbstverständlich wurde Elling bei allen Songs ebenbürtig von seinen großartigen Musikern begleitet. Jeder hatte mindestens ein längeres Solo, aber wie gut sie auch alle waren „“ Pianist Laurence Hobgood und Gitarrist John Mcelan stachen mit ihrem überdurchschnittlich gutem Spiel über die Dauer des Kontzerts doch dominierend hervor. Laurence Hobgood ist hörbar verliebt in die oberen Register seiner Pianotastatur, denen er hochsilbern-perlende bis exzentrisch-dynamische Klanglinien abverlangt.

Gitarrist John Mcelan ist eigentlich mit jeder Note im eigenen Kosmos seiner totalen musikalischen Leidenschaft – und das auch äußerlich ! Sicher gebürte allen vier Musikern eine genaue Besprechung – aber diese Rezension wird schon etwas lang und den Fokus habe ich bewußt ganz auf Kurt Elling gerichtet.

So wie man in Ellings Gesang ständig von kreativen Einfällen überrascht wurde, hatte er als Zugabe noch eine spezielle Überraschung – ein Geschenk – wie er sagte, für das deutsche Publikum. Der Applaus war übermächtig und anhaltend im völlig ausverkauften Dortmunder „Domicil“. Ellings erste Zugabe war – portugiesisch gesungen – „Luiza“, ein Song von A.C. Jobim.

Dann kam die Überraschung: Als erstaunlichen Gegensatz zu seinem Jazz-Repertoire intonierte er abseits des Jazzgesangs in absolut klassischer Weise zur Klavierbegleitung das Brahms-Lied:

„Nicht wandle, mein Licht“ aus dem Zyklus Liebeslieder-Walzer op.52, Nr. 17.

Auch wenn er an seiner deutschen Aussprache noch ein Menge feilen muss „“ denn von dem kurzen Vers habe ich kaum etwas verstanden „“ Elling erwies sich tatsächlich als überzeugender Liedsänger und beeindruckte auch hier mit inniger Kantabilität. Ein CD-Projekt in diesen Bereich könnte ich mir sehr gut vorstellen.

Elling wurde durch dieses Konzert für mich ein Sänger, dem ich “ nachreisen“ möchte. Dieses Konzert hat mir wieder bestätigt, wie wahr ein Zitat von Beethoven ist:
Musik ist höhere Offenbarung als alle Weisheit und Philosophie

Ein Autogramm war nach diesem Konzert für mich zwingend nötig… und Kurt Elling gab sich sehr freundlich und entspannt. Ich sagte ihm- was der Wahrheit entsprach: „Never before had I heard a better jazz singer“

Zweihundert Tage Tour lagen am Abend im Domicil schon hinter dem Künstler – noch knapp fünfzig Konzerte liegen vor ihm „“ bis zum Juni 2012. Die nächsten Stationen sind u.a. Polen Norwegen, Ungarn, Russland, Japan, USA, Italien, Frankreich, Spanien, Holland, Südafrika, Canada und Türkei.
Zur weiteren Info : 24. Mai 2012:
Kurt Elling with the Orchestre Philharmonique du Luxembourg“¨Grand Auditorium“¨Philharmonie Luxembourg“¨1, place de l’Europe“¨Luxembourg

 

Werner Matrisch,  Mai 2012