Peter Fessler & NDR Big Band

Großartige CD -ein Fessler-Highlight!

Fessler ist ein eindrucksvoller Jazzvocalist, etabliert seit Jahren und jemand, der mit internationalen Jazzsängern mühelos konkurrieren kann. Trotzdem war ich bisher nie sein „Riesenfan“, weil ich es nun mal gerne mag, wenn ein Sänger seine Töne in Leidenschaft “krachen“ lässt, (z. B. Kevin Mahoganny) aber so etwas gibt es nicht bei Fessler. Er ist fast immer ein sehr sanfter, kluger, deshalb aber nicht  zu sehr „unterkühlter“ Sänger.  

Auf seiner neuesten CD hat er sich einige der wunderbarsten, ja innigsten  Balladen ausgesucht, die je geschrieben wurden. Ich hätte nie geglaubt, wie reizvoll sein weicher, fragiler Gesang harmonisch mit vollem Big Band Sound kontrastiert.  Sicher ist es gerade das, was mir diesmal so gefällt. Das Album ist nahezu perfekt und  ein Highlight, nicht nur am deutschen Vocaljazz-Himmel !

Der Cole-Porter-Titelsong “I Concentrate On You“ hat nicht den Bekanntheitsgrad von Porter’s „Night and Day“. Aber man ist dankbar für dieses Lied, mit seinen melancholisch-tiefgründigen Worten:  „And so when wise men say to me, that love's young dream never comes true, to prove that even the wise men can be wrong, I concentrate on you ”,   wenn man sie jetzt so feinsinnig und unterschwellig swingend von Peter Fessler wiederhört.

Die NDR Big Band begleitet ihn hervorragend mit modernen, intelligenten Arrangements, in denen sich neben den vielen Soli auch bisweilen zaghaft exotische Anklänge einschleichen. Wie sanft auch eine Big Band klingen kann, hört man bei den Brasil-Songs. Diesmal sind mit „Triste“, „Dindi“ und „Gentle Rain“ drei der wohl schönsten und berühmtesten Songs dabei. Auch schon auf seinen früheren CDs war zu hören, dass die brasilianische Musik Fessler wie keinem anderen deutschen Jazzsänger „auf den Leib geschrieben“  scheint.

Gemeinsam mit den anderen sehr gefühlvollen Balladen offeriert das Album kein „heiß swingendes“ Programm, wie man vielleicht vermuten könnte, wenn man nur den Titel „Peter Fessler & NDR Big Band“  der CD liest. Statt dessen sind einige dieser Songs von herzzereißender Schönheit.

 Gleich der erste Song der CD  „My One And Only Love“ ist so ein Lied, bei dem die faszinierende Erlesenheit der Melodie erhaben die durchaus vorhandene Sentimentalität besiegt, oder sie sogar als Stärke und Größe hervorhebt.

Fessler’s Modulationen haben zwar noch immer eine hörbare Nähe zum Vorbild Al Jarreau,
aber er hat sich mit dieser CD toll weiterentwickelt. Seine Improvisationen bei z. B. „You Go To My head“ sind freier und moderner geworden. Fessler’s Stimme hat hier eine ausgesprochen schöne, warme Klangfarbe. Die NDR Big Band und Peter Fessler haben mit dieser CD eine Glanzleistung abgeliefert, deren traumhafte Soundabmischung ein zusätzlicher Hochgenuss sind.

Beste Beurteilung: Fünf Sterne


Werner Matrisch, Köln, 12. Juli 2007

 

Peter Fessler & Danny Gottlieb im Altem Pfandhaus

DUO RIO

23. Mai 2008: Peter Fessler sitzt auf der untersten Stufe der Sitzreihen im Konzertsaal des Alten Pfandhauses, Köln. Beinahe kauernd und vorgebeugt. Er hält die Gitarre im Arm, nein, fast umarmt er sie  wie seinen kostbarsten Besitz. Er wird diese bescheiden wirkende Körperhaltung im Verlaufe des Konzertes kaum ändern. Dafür kann man mehr aus seinem Gesicht lesen: Fessler singt häufig mit geschlossenen Augen und die ausgeprägte Mimik verdeutlicht seine emotionale Beteiligung. Seine Stimme, dunkler und voller als sie auf CD klingt, ist gleichmäßig im ganzen Raum verteilt. Ich weiß nicht, ob es sich um ein außergewöhnliches „Supermikrophon“ handelte, oder ob der Tontechniker ein Zauberer war, oder ob der Konzertsaal des Alten Pfandhauses an diesem Abend seine fabelhafte Akustik besonders herausstellen wollte - das  Publikum befand sich im Kokon eines omnipräsenten Fessler-Stimmensounds, und war über zwei Stunden davon wie gefesselt.......

Beitragend zum  Musikgenuss war das fantastische  Zusammenspiel mit Drummer Danny Gottlieb. Die sensible Begleitung  des Musikers, der auch als Mitglied der Pat Metheny Group bekannt wurde, lies häufig nur leichte Beckenschläge und den Besen hören. Parallel zur Gesangssteigerung Fesslers, bewies auch Gottlieb dann die souveräne Beherrschung der ganzen Palette des Schlagzeugs.

Bis zur Pause bestritten Fessler und Gottlieb allein das Konzert, welches ausschließlich der brasilianischen Musik gewidmet war. Es genügten bereits ein paar Töne vom ersten Brasil-Klassiker „Gentle Rain“, um zu hören und zu verstehen, wie sehr Peter Fessler in dieser Musik  mittlerweile „ zuhause“ ist. Er singt englisch und portugiesisch und seine Gitarrenbegleitung klingt so, als wäre sie eine zweite Stimme von ihm.

Seine Gesangsstimme weißt ein geradezu kolossales Klangspektrum auf: nicht nur wegen der Beherrschung von 4 Oktaven, sondern wegen der Variationsvielfalt und der Risikobereitschaft,  keine noch so verstiegene Improvisation zurückzuhalten. Auch kann er mit beachtlichem Volumen beeindrucken, indem er Noten leise beginnt und sie über viele Sekunden anhaltend bis zum absoluten Fortissimo steigert. Man denkt an große Wellen, die zum Ufer treiben, grollend und lauter werdend, bis sie sich schließlich brechen.

Traumhafte Songs der nun bereits fünfzig Jahre währenden  Bossa-Nova-Ära, waren zu hören. Sie alle sind Klassiker des „Brasil Songbooks“ geworden. Wunderschön gelang Fessler der berühmte Song „Manha de Carneval“ aus dem Film „Orfeo Negro“ ( Oscar 1960)  Neben diesen bekannten Songs sang Fessler aber auch mehrere Eigenkompositionen, die sich völlig homogen unter die Stücke seiner verehrten Künstler - Louis Bonfa, Antonius Carlos Jobim, Ivan Guimaraes Lins oder Baden Powell -  mischten.


So wie Peter Fessler mit den speziellen, brasilianischen Rhythmen und Synkopen umgeht, scheint er alle Eigenarten dieser Musik gefühlsmäßig assimiliert zu haben, aber auch sein Timing ist perfekt. Das zeigt sich natürlich besonders bei stark rhythmischen Songs, in denen er unwiderstehlich mit diesen sehr samtenen-weichen Scatvocalismen glänzt, die typisch für brasilianische Sänger wie Jobim oder Andere sind.  

Ein Scat, der völlig anders klingt als der dynamisch-harte des anglo-amerikanischen Jazzbereichs. Frappierend beherrscht er auch den Umgang mit seiner Kopfstimme in allen erdenklichen Nuancen. Fessler geht, ebenso wie Al Jarreau im Gesang über Grenzen hinweg, probiert alles aus, simuliert  bisweilen auch die verschiedensten Musikinstrumente, wie „gestopfte Trompete“ u.v.a. Wunderschön kann er einen Song mit den Geräuschen von Wind und Meeresrauschen ausklingen lassen. Sicher, die Soundverstärkung durch das  Mikro macht es erst möglich, aber man muss auch wissen wie es geht - allein das Mikro kann es nicht.

Fessler’s Sambas oder die Bossa Novas erfreuten und ließen Füße tippen, oder die Körper der  Besucher im vollbesetzten Pfandhaus rhythmisch wiegen. Tief beeindruckt haben mich aber besonders seine Interpretationen der Saudades, dieser  ganz spezielle Balladenform  der Brasilianer. Das Wort ist ein „urpersönliches“ der brasilianischen Sprache und lässt sich nur sehr unzureichend übersetzen. In den Saudades drückt sich eine Vermischung von Gemütszuständen wie Weltschmerz, Melancholie, Sehnsucht und  Wehmut oder einfach nur Traurigkeit aus.

Die Portugiesen haben eine ähnliche Musikrichtung mit ihrem Fado. Und obwohl angeblich nur die Brasilianer die Saudares wirklich singen können, übertrug Peter Fessler mit seinem Vortrag eine Menge dieser Gefühle. Er lies uns teilhaben an dieser  musikalischen Stimmung, die, trotzdem sie auch ein Einsamkeitsgefühl beschreibt, nicht negativ zu bewerten ist.

Nach der Pause wurde im zweiten Teil des Konzertes das musikalische Duo Fessler/Gottlieb mit Percussionist  Alfonso Garrido  und Berthold Matschat bereichert. Garrido faszinierte schon allein wegen der ausgefallenen Optik seines „Birimbao“, einem seltenen Instrument, welches ursprünglich die Sklaven aus Afrika nach Brasilien brachten und selbst anfertigten. Es sieht einem Jagdbogen ähnlich und ein aufgeschnittener Flaschenkürbis bildet den Resonanzraum.

Bertholt Matschat wurde dann von Fessler quasi wie ein alter Freund aus dem Publikum herausgerufen, und beeindruckte mit seinem Spiel der chromatischen Mundharmonika. So entstand durch die Performance der vier Musiker eine komplette Fusion von beeindruckender Intensität. Das Publikum erlebte Momente von großer musikalischer Authentizität und applaudierte stürmisch.

Am Ende gab es etliche Zugaben.  Fessler bemerkte noch, nach diesen Konzerten würde er immer nach einem „Jazzstandard“ gefragt. Auch amüsierte es ihn offensichtlich, dass ein Kritiker über ihn schrieb, er sei vom Popsänger zum Jazzsänger „mutiert“! “Hier sitzt der Mutant“ , rief er in den Saal und erntete Gelächter. Dann wurde er wieder ernster und erklärte, dass der folgende Song „All The Things You Are“ schon immer in seinem „Gepäck“ sei -  er aber jetzt nicht so intim werden müsse, zu sagen, warum.


Diese letzte Zugabe wurde dann ein langer, einziger Höhepunkt. Natürlich siedelte Fessler auch diesen Uralt-Titel  (Musik: Jerome  Kern, Text: Oscar Hammerstein II ) aus dem Jahre 1939, ganz und gar an die Copacabana an. Seine Version zeigte erneut unerschöpflichen Ideenreichtum an Improvisation. Totale musikalische Sicherheit  und nicht zuletzt seine große Liebe zur Musik allgemein, wurden so überdeutlich. Fessler endet den Song mit langen, ausufernden  Vocalkaskaden. Eine folgt der nächsten, er legt jetzt eine Menge Humor in seine Vorstellung und jongliert die Noten zu derart kreativ-ausschweifenden Koloraturen,  dass sein Publikum immer wieder in Lachen ausbricht. Aber da gebietet er mit ausgestreckter Hand Einhalt, und murmelt erklärend ins Mikro:  „that’s Jazz,“ (!) und macht unverdrossen noch eine ganze Weile weiter mit dem nicht endenden Spiel  seiner berückenden,  instrumentalen Vokaltechnik.  

Es ist, als ob Fessler all sein Können hier in einem Song vereinigt. Es sind keine „Kunststückchen“ die er zeigt, sondern wir erleben, wie ein Künstler mit höchster Musikalität aber auch mit  großer Leichtigkeit sich total der Musik ausliefert.  Ich denke, zumindest dieses letzte Stück  war unvergesslich.

Werner Matrisch, Köln, 25. Mai 2008