ULITA KNAUS im Alten Pfandhaus Köln ( April 2008)

Intim und souverän

Sie singt modernen Vocaljazz auf der Höhe der Zeit. Sie gilt als Deutschlands talentierteste Jazzsängerin und sie war am 4. April 2008 im Alten Kölner Pfandhaus!

Mit ihrem Trio spielte sie hauptsächlich Songs ihres letztes Albums „It's the city“, (2007) und stellte unter Beweis, dass Intimität, Nähe und selbstbewusste Distanziertheit keine Gegensätze sein müssen. Souverän-subtil führte Ulita Knaus das Publikum in den Genuss des Zuhörens. Und das damit verbundene Vergnügen war eher von intellektueller Art.

Denn spontanen, dynamischen Jazzgesang der naturgemäß Begeisterungsstürme entfacht, macht Ulita Knaus nicht. Und auch ein freundliches Anbiedern an das Publikum, selbst in der geringsten, akzeptablen Form, geht bei Frau Knaus überhaupt nicht.

Wenn sie singt, zwingt sie fast ihre Zuschauer zur Konzentration: sie verharren in Spannung und achten auf jede ihrer Noten. Ulita Knaus' Gesang ist sicher intoniert, weich nunaciert und die Klangfarbe ihrer Stimme ist variabel. Ihre größte Stärke zeigt die Künstlerin in den vollen warmen und tiefen Tonlagen. Hier erreicht sie einen wunderbaren Klang von wirklich faszinierender Schönheit, mit dem sie viele ihrer Konkurrentinnen hinter sich lässt.

Das Lyrische ihres Gesangstils wird in ihrer tiefen Stimmlage noch gefördert. Eine gewisse Melancholie, gepaart mit einer Ernsthaftigkeit bis hin zur Kühle, ist ihrem Vortrag schon zu eigen. Jede Art von Süßlichkeit, lauten Effekten oder auch nur ein „Easy listening-style“, braucht sie erst gar nicht zu vermeiden, weil diese Art von Interpretation ihr völlig artfremd wäre.

Außerdem sind die musikalisch unkommerziellen Kompositionen dazu auch nicht geeignet. Geschrieben wurden sie teils von der Sängerin, teils vom Pianisten Mischa Schumann, und teilweise gemeinsam. Ihre Musik geht über die klassische Jazzballade, zu R & B, Soul und Funkelementen bis hin zu Scateinlagen.

Ulita Knaus' Scatgesang hat große Eigenständigkeit, indem sie die Silben dehnt. Es ist ein sehr melodiöser und verträumter und keinesfalls abgehackter schneller Scat. Eigentlich ist es nicht das, was gemeinhin im Jazz unter Scatgesang verstanden wird. Hier geht sie sehr aus sich heraus, steigert sich und treibt ihre sonst dunkle Stimme unerwartet hoch. Dazu erhebt sie instinktiv ihre linke Hand in Kopfhöhe, so als wolle sie sich selbst ihre besonders hohen Noten „dirigieren“. In diesen Momenten erreicht sie vielleicht die größte Intensität.

Ihr Begleittrio schafft einen kompakten raumfüllenden Sound, bei dem der Pianist mit recht modernem und virtuosem Spiel hervorsticht. Er spielt auch am Syntheziser und entlockt ihm harte, elektronische Töne. Der Schlagzeuger und Percussionist Heinz Lichius beeindruckt später mit einem extralangen, raffiniert strukturiertem Solo. Durch die vielen unterschiedlichen Klang -und Rhythmusphasen wirkte das Solo wie eine fertige Komposition. Er konnte kein Ende finden, bis Ulita Knaus, die sich etwas abseits auf eine Stufe gesetzt hatte, aufstand, lächelte und dann schließlich doch zum Mikro griff. Dass war unmissverständlich das Zeichen für den Schlagzeuger. Ein tolles, ungewöhnliches kreatives Schlagzeugsolo und eine musikalische Bereicherung und Abwechslung des Konzerts.

Hörte man an diesem Abend in etwa alle Songs des gelobten Albums „It's the City“, hätte man sich nach fünf, sechs Stücken auch hin und wieder doch einen guten Jazzstandard gewünscht. Einen Song der nicht aus ihren Federn stammte. Ulita Knaus konnte sich im relativ kurzen Teil nach der Pause nicht mehr wesentlich steigern. Das lag weniger an ihrem durchweg guten Gesang, als an den Kompositionen. Sie gleichen sich nach einiger Zeit des Hörens an, wirken eben sehr ähnlich und unterscheiden sich hauptsächlich nur durch eine rhythmische Veränderung. Irgendwann fehlt es dann trotz des hohen musikalischen Niveaus der Darbietung an Spannung.

Ich hätte Ulita Knaus z. B. mal sehr gerne mit einem Duke Ellington Song gehört. Ich glaube, ihre Stimme wäre geschaffen für Songs wie „Sophisticated Lady“ „Mood Indigo oder „Lush Life“. Es war Duke Ellington, der immer sagte, wenn er kein Musiker und Komponist geworden wäre, hätte er Maler sein wollen. Und man spürt in der Tat „Malerei“ in seinen Songs. Seine Kompositionen sind viel „abstrahierter“ und „farbiger“ als Songs von Gerhswin, Porter oder Irvin Berlin. Ulita Knaus besitzt die Gabe, den Klang ihrer Stimme in bestimmte Farben zu tauchen. Es sind weiche, durchmischte Farben, melancholische Blau -und Grüntöne, oder bei ihren hellen Noten zarte gelb-rosa Pastelltöne. Es gibt kaum grelle, harte Farbtöne in ihrem Gesang.

Das Publikum an diesem Abend schien angetan und überzeugt von der Sängerin Ulita Knaus. Aber mehrere Zugaben wie beim Viktoria- Tolstoy-Konzert vor einigen Tagen (auch im Alten Pfandhaus), wurden ihr nicht so stürmisch abverlangt. Letztere hatte es da leichter, mit ihren dynamischen Covern von Prince, Seal und Paul Simon ihre Zuhörer vollends aus der Reserve zu locken.

(c) Werner Matrisch, Köln 8. Apil 2008