José James

Yesterday I Had The Blues

In diesem Jahr wäre die großartige Billie Holiday am 7. April 100 geworden. Ihr erlebnisreiches, mehr tragisches als freudvolles Leben endete 1959 im Alter von nur 44 Jahren und ist bis heute immer wieder Anlass für viele Dokumentationen und Biographien. Die Verfilmung ihrer Lebensgeschichte („Lady sings the Blues“), erhielt einige Oscar Nominierungen, u.a. eine für die Hauptdarstellerin Diana Ross.

Mit seinem sechsten Soloalbum „Yesterday, I Had The Blues“, stellt José James von den aktuellen Billie-Holiday-Tribut-Alben für meinen Geschmack nun eines der eindrucksvollsten vor. Der 1983 geborene Sänger aus Minneapolis mit Vorfahren aus Panama und Irland, zeigte sich auf fast allen seiner bisher produzierten Soloalben – weniger als traditioneller Jazzvokalist – sondern als noch junger, innovativer Vermittler von Jazz, Blues, Hip Hop, Soul und Rhythm & Blues.

Aber egal in welchen Stilen José James sich ausdrückt: seine Musik bekommt automatisch eine äußerst subtile, unverwechselbare Prägung dank seiner besonderen, warmen, rauchig-samtenen Baritonstimme und der Art, wie er damit umgeht. Ich bin eigentlich sehr verwundert, dass er nicht viel populärer in Deutschland ist. Beim US-Downbeat Critics Poll 2014 steht er immerhin auf Platz 8 aller gewählten Jazzsänger !

„Yesterday I Had The Blues“ ist mit Ausnahme des Songs „What A Little Moonlight Can Do“ das klassische, und doch auch im Schnitt moderner inspirierte Jazzballaden-Album geworden. In diesem Song brilliert der Pianist Jason Moran in furiosen Soli und José James schnurrt nicht ohne Eleganz – dem eiligen Tempo angepasst – wie ein moderat aufgeregter Kater. Aber Heiterkeit kann niemals die überwiegende Gangart eines Billie-Holiday-Tributs sein.

So umweht seine zärtliche Stimme besonders in „Lover Man“ („Man“ lässt er weg und bleibt schlicht beim „Lover“) immer etwas traurig-geheimnisvolles, wenn er beschwörend von seiner nächtlichen Einsamkeit und seinen Liebessehnsüchten singt. Piano, Bass und Drums setzen deutliche Akzente zu den Lyrics – und bei „…but no one to love me“ bricht ein kurzer, schmerzvoll-bitterer Aufschrei aus ihm heraus.

Jeder dieser berühmten Billie-Songs wird mit größter Hingabe und absolut genuin gesungen und musiziert. Interpretiert wird eher gedämpft und bedachtsam – bis stellenweise fast meditativ. Aber dennoch durchzieht das gesamte Album eine „José-eigene“ unterschwellige Dynamik! Gleich zu Beginn des Albums wahrzunehmen bei „Good Morning Heartache“. Jedes Wort bekommt hier die passende Betonung, hautnah im Klang: so als ob er vor einem Zuhörer sitzt und ihm seine schwermütige Stimmungslage anvertraut. Dazu gibt es ein wunderbares Piano-Solo.

In „Body and Soul“ muss José auch relativ hohe Noten singen – sie kommen weich, zart und pastellartig. Ein zeitgemäß inspiriertes Arrangement und das Spiel des Pianisten sind in diesem Titel besonders kontemplativ mit der Stimme José James verwoben.

Im Blues „Fine and Mellow“ geht es darum, was man sich einhandeln kann oder was man bereit ist zu tun – wenn man verliebt ist. Das Stück wird diesmal dominiert von tiefen, satten Basstönen. Josés Gesang ist energischer, ganz hingegeben dem Idiom des Blues.

So wie der Bass bei „Fine and Mellow“ musikalisch im Vordergrund steht, übernimmt das vorherrschende Klangbild bei „God Bless The Child“ (außer des Sängers Stimme) diesmal der Schlagzeuger mit seinen eindringlichen Drums. Der Pianist wechselt zum weicher klingenden Fender-Rhodes Piano, während José James mit seiner Bluesphrasierung und diesem betörend rauh-samtigen Nachhall seines Tímbres die Unverwechselbarkeit seines Singens einmal mehr beweist.

In „I Thought About You“ dieser bittersüßen Ballade voller Romantik, entfaltet Pianist Jason Moran noch einmal mehr sein freispielerisch-melodiöses Klavierspiel – wobei er sogar kurz ein Glockenspiel inszeniert – oder imitiert. Hier, und auch in dem Liebeslied par excellence „Tenderly“, hat José James seine zartesten, hellsten und intimsten Töne.

Sein Meisterwerk aber auf dieser CD behält José James sich bis zum Schluss. Unendlich viel wurde über den Song „Strange Fruit“ geschrieben. Unendlich viel wurde er auch von den großen Jazzvokalisten interpretiert. Billie Holiday sang den hochpolitischen, dramatischen Song, der sich offen gegen Skalverei und die üblichen Lynchmorde in den US-Südstaaten richtete, bereits zum ersten Male 1939. Spannend dabei war und ist: der Song wurde nicht von einem Farbigen oder aktivem Apartheit-Gegner komponiert, sondern von dem russisch-jüdischem Lehrer Abel Meeropol.

Kein anderer Song wird so sehr mit Billie Holiday indentifiziert. Sie sang „Strange Fruit“ immer Mal so vollendet und ergreifend, dass jeder Vergleich sich (fast) verbietet. Trotzdem gab es immer wieder gute Versionen – denn für großartige Songs gib es auch immer wieder gute Interpreten. Nina Simone was zum Beispiel so eine!

Jetzt also José James. Seine Version verzichtet vollständig auf begleitende Instrumente. Aus einem noch leisen, dunklen Summen entwickeln sich Chorstimmen. Händeklatschen in regelmäßigen Abständen, gleichzeitig ertönt Josés Stimme – eindringlich, intensiv. Anfänglich klingt diese Vorstellung gebetsartig – je länger man ihr jedoch zuhört, verdeutlicht sie sich als empathische Anklage und verschwindet dann am Ende leiser werdend – wie ein fast resignierender Protest. Was bleibt ist die Stille danach und die nachhallende, jetzt stumme Anklage.

Ich habe große Bewunderung dafür, wie José James die Aufnahme eines so bekannten, schwer neu zu interpretierenden Songs konzipiert hat. Es gibt kein Zuviel und kein Zuwenig. Nirgendwo eine Überakzentuierung, mit der er Worte und Melodie effektvoll dramatisieren könnte. In der Ruhe und verhaltenen Dynamik dieser Version  liegt genug Verzweiflung.

In einer Konzertrezension zu José James (2010) schrieb ich begeistert am Ende: Ganz gewiss ist José James ein faszinierender Erneuerer des Jazzgesangs. Das sehe ich immer noch so.

Ebenso begeistert sehe ich aber auch, dass er sich jetzt mit „Yesterday, I Had The Blues“ in überzeugender Weise als adäquater, hochkünstlerischer Erhalter von großen klassischen Jazz -und Bluesballaden erweist. Stimmiger noch als sein Jazzballaden-Album „For All We Know“ (2010) ist ihm und seinen Musikern mit diesem Billie-Holiday-Tribut ein fantastisches, schon jetzt zeitloses Jazzalbum gelungen. mit verhaltener Dynamik subtil interpretiert.


Werner Matrisch, Mai 2015